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Whale Rider

NZ/D 2002. R,B: Niki Caro. K: Leon Narbey. S: David Coulson. M: Lisa Gerrard. P: Pandora, Apollo u.a. D: Keisha Castle-Hughes, Rawiri Paratene, Vicky Haughton, Cliff Curtis, Grant Roa u.a.
101 Min. Pandora ab 14.8.03

O Tempora, O Maori

Von Daniel Albers Fundamentale Mythen sind seit jeher zentrale Bestandteile aller menschlichen Gesellschaften. In der aufgeklärten westlichen Welt bröckelt ihre Bedeutung seit nunmehr 220 Jahren unaufhaltsam. An ihre Stelle treten immer stärker ganz individuell zusammengestellte Deutungsmuster, mit denen wir die Welt zu verstehen versuchen, was uns deswegen nicht unbedingt besser gelingt. Die neuseeländischen Maori konnten trotz der Vereinnahmung ihres Landes durch die britische Krone 1840 und der damit einhergehenden Christianisierung einige ihrer Mythen bis heute am Leben erhalten. Von einer dieser großen Geschichten erzählt Whale Rider.

Vor über tausend Jahren soll Paikea, der Urahn eines Maori-Stammes an der neuseeländischen Ostküste, auf dem Rücken eines großen Wals den Ort Whangara erreicht und den Grundstein für eine Kultur gelegt haben, zu deren Überlieferung sich der derzeitige, allmählich alternde Stammesführer Koro verpflichtet fühlt. In jeder Generation wird ein männlicher Erstgeborener des Dorfes nach uralten Auswahlritualen zum ehrwürdigen Träger des Namens Whale Rider und Hüter des kulturellen Gedächtnisses erkoren. Als die große Hoffnung Koros, sein erster Enkelsohn, bei der Geburt mitsamt seiner Mutter stirbt und nur seine Zwillingsschwester überlebt, drängt der Alte seinen Sohn Porourangi, erneut zu heiraten und so bald wie möglich einen weiteren Sohn zu zeugen. Doch Porourangi widersetzt sich seinem herrischen Vater, indem er nach Europa flieht, nicht ohne zuvor seine neugeborene Tochter wie zum Trotz Paikea zu nennen. Diese wächst mit ihren Großeltern in ihrem Heimatort auf und zeigt schon früh alle Talente, die ein Whale Rider besitzen muß. Jedoch leidet sie in den Augen Koros an einem unverzeihlichen Makel: Sie ist ein Mädchen.

Das Stammesoberhaupt wird im Laufe der Zeit immer verbissener in seinem engstirnigen Festhalten am Wortlaut der Überlieferung. Die von ihm erwünschte Wiedererstarkung des Urahnen-Mythos soll die ihm anbefohlenen Dorfbewohner zu neuer Verwurzelung, zu Stärke, Selbstbewußtsein und Zusammenhalt führen. Paradoxerweise sind es gerade diese Eigenschaften, die er bei seiner Enkeltochter erkennt und gleichzeitig um so energischer unterdrückt. Je deutlicher wird, welch tiefes Verständnis für die positiven archaischen Kräfte der Traditionen sie schon in jungen Jahren besitzt, desto kompromißloser wird seine scheinbar gefühlskalte Ablehnung ihr gegenüber, resultierend aus dem unbedingten Glauben daran, daß eine Einmischung des anderen Geschlechts die Ahnenfolge unwiderruflich zerstören würde.

Whale Rider spricht sich sehr deutlich, in suggestiven Bildern und mit ungemein treffender Symbolik gegen die Starrheit von Traditionen aus, während er den Wert von Überlieferungen an sich verteidigt. Der Film regt mittels seiner starken Hauptfigur dazu an, das für den Menschen Positive hinter dem scheinbar überholten Festhalten an alten Mythen zu entdecken und gleichzeitig für ihre Modernisierung einzutreten. Paikea wird von Keisha Castle-Hughes als so unheimlich intelligent, reif und willensstark verkörpert und strahlt dabei gleichzeitig eine dermaßen überzeugende Bescheidenheit und Güte gegenüber ihrem im quälend engen Patriarchatskorsett eingezwängten Großvater Koro aus, daß man kaum glauben will, daß es eine Zwölfjährige ist, die somit das denkbar beste filmische Statement für Gleichberechtigung fast allein auf ihren jungen Schultern trägt.

Die ausdrucksstarken Bilder von Leon Narbey und der unter die Haut gehende Soundtrack von Lisa Gerrard erinnern immer wieder an David Lynchs Dune, zu dem sich in Whale Rider auch sonst auffällige Anklänge finden. Auch wenn die Hauptfigur in Niki Caros Film bei weitem nicht so pathetisch inszeniert wird wie Kyle MacLachlan als Paul Atreides, so hat doch auch Paikea etwas Messianisches an sich, und der Wal, auf dem sie schließlich doch noch reitet, scheint sowieso der irdische Shai-Hulud zu sein, den es um jeden Preis zu retten gilt, weil sein Verlust das Ende von allem bedeuten würde. 1970-01-01 01:00

Abdruck

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