— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Wer früher stirbt, ist länger tot

D 2006. R,B: Marcus H. Rosenmüller. B: Christian Lech. K: Stefan Biebl. S: Susanne Hartmann. M: Gerd Baumann. P: Roxy Film. D: Markus Krojer, Fritz Karl, Jule Ronstedt, Franz Xaver Brückner u.a.
105 Min. Movienet ab 17.8.06

Dreh mit Gott

Von Dietrich Brüggemann Die Geschichte ist schnell erzählt: Ein kleiner Junge in einem bayerischen Dorf erfährt, daß seine Mutter nicht etwa durch Unfall, sondern bei seiner Geburt ums Leben kam, fühlt sich von da ab von Schuldgefühlen verfolgt, versucht seinen Vater neu zu verkuppeln und macht alles immer schlimmer, bis die Sache doch einen glücklichen Ausgang findet.

In einem Artikel zum Filmfest München in der Süddeutschen Zeitung vom 18.7.2006 schreibt der Rezensent H.G. Pflaum über die deutschen Debütfilme des Festivals und charakterisiert den Film, um den es hier gehen soll, mit den Worten »der vom Klamauk gefährdete Bayernfilm«. Das ist zunächst weder richtig noch falsch – aber interessant, denn es läßt Einblicke in die Denkstrukturen zu, denen das derzeitige deutsche Kino seine je nach Perspektive mangelnde oder doch stetig wachsende Größe verdankt.

Man strebt ja stets danach, die kulturellen Hervorbringungen des Menschen irgendwie zu ordnen und zu klassifizieren. Durchs deutsche Kino laufen zwei Trennlinien, was zunächst kaum auffällt, da sie weitgehend parallel verlaufen. Die eine ist wohlbekannt, das ist die Trennung zwischen dem künstlerisch wertvollen Petzold-Hochhäusler-Heisenberg-Festival-Film sowie dem kommerziell erfolgreichen Eichinger-Arndt-Berben-Publikumsfilm. Ersterer ist oft recht langweilig, letzterer meist ziemlich dämlich.

Es gibt aber eine zweite Trennung, nach der man Filme einteilen kann, ganz wertfrei und ohne zu urteilen, und das ist die nach Konfession. Zwar spielt die Frage, ob man katholisch oder evangelisch ist, im heutigen Leben keinerlei Rolle mehr, aber die beiden christlichen Bekenntnisse haben künstlerische Haltungen und Sichtweisen hervorgebracht, die bis heute zu erkennen sind.

Der deutsche Kunstfilm, um ihn mal so zu nennen, ist durchweg protestantisch. Der Weg zur Erlösung führt über die Innerlichkeit, allein aus sich selbst heraus existiert der Mensch, sein Verhältnis zur Welt ist ein privates, alles, was Oberfläche ist, steht im Verdacht, oberflächlich zu sein. Sinnliche Reize werden sparsam dosiert, und das Ideal, dem man sich annähern will, ist die Reduktion, das Weglassen.

Der deutsche Kommerzfilm hingegen entsteht aus einer Haltung, die man katholisch nennen könnte – mehr ist mehr, Spaß ist erwünscht, und wenn was schiefgeht, kann man ja hinterher immer noch zur Beichte gehen. Die künstlerische Grundhaltung ist der einer barocken Kirche zu vergleichen, tieferer Sinn ist zweitrangig, solange das Drama, die Erzählung, den Zuschauer mitreißt.

Diese beiden Haltungen, die eigentlich nicht von vornherein mit hoher oder niederer Qualität verknüpft sind, lassen sich in der Filmgeschichte immer wieder festmachen, in reinster Form natürlich bei den Filmemachern, die aus den entsprechenden Ländern kommen – Ingmar Bergmans Filme sind protestantisch in Reinkultur, während sich kein katholischerer Filmemacher als Fellini denken ließe.

In Deutschland existiert bekanntermaßen beides. Seit Bismarcks Zeiten aber hat der protestantische Norden die Deutungshoheit, seit dieser Zeit gilt das südländisch-katholische Temperament als ein bisserl deppert, und der klar geordnete protestantische Geist schaut mißbilligend herab auf die unseriöse Unterhaltung, die er hinter den Oberflächenreizen der katholisch geprägten Kunst vermutet.

Um jetzt endlich mal zur Sache zu kommen: Wer früher stirbt ist länger tot ist ein durch und durch katholischer Film. Vom Klamauk gefährdet ist er in der Tat, und auch die Zuschreibung »Bayernfilm« ist keineswegs falsch, aber in ihrer Gesamtheit geht diese Aussage am Kern der Sache vorbei, denn sie läßt eine leicht dämliche Bauerntheaterklamotte erwarten, und das ist der Film keineswegs. Die Art, in der Marcus H. Rosenmüller seinen jungen Protagonisten durch eine Serie von zwischenmenschlichen Verwirrungen im Voralpenland manövriert, ist so phantasievoll ausgedacht und so voller liebevoller Einzelheiten im Großen wie im Kleinen, daß man ihm die Unterhaltungsfilm-Dämlichkeiten, in die er immer mal wieder abrutscht, ziemlich gern verzeiht. Allein die zentrale Szene des Films, ein imaginiertes, höchst theatralisches Jüngstes Gericht, das sich der Held aus den Einzelteilen einer realen Theaterprobe zusammenträumt, ist ein Triumph der kinematographischen Vorstellungskraft, bei dem man bzw. zumindest der Schreiber dieser Zeilen lauthals Hurra schreien möchte, denn so etwas hat es hierzulande einfach ziemlich lang nicht mehr gegeben.

Was der Film aber auch hat, und daran bemißt sich ja letztlich die Qualität eines Films, sei er nun protestantisch, katholisch oder buddhistisch: Er interessiert sich für seine Helden, er fühlt mit ihnen und hat ein tiefes Einfühlungsvermögen in ihr und damit in unser Leben. Und was er dazu auch noch hat, ist eine höchst eigene Identität, eine Erzählhaltung, die erkennbar aus eigenem Erleben entspringt. Damit hat Wer früher stirbt ist länger tot bei aller Klamauk-Gefährdung sogar etwas, das man im protestantischen deutschen Kunstfilm oft vergeblich sucht, denn dieser ist allzu oft und allzu deutlich ans französische Kino angelehnt (und daher in Cannes gern gesehen) – was aber im Grunde ein Mißverständnis ist, denn die französische Filmkultur ist, um den Vergleich ein letztes Mal zu gebrauchen, eigentlich katholisch.

Abseits dieser Analogien wäre es ganz allgemein wünschenswert, wenn das Unterhaltungskino hierzulande nicht den Vollidioten überlassen bliebe, und da ist Wer früher stirbt ist länger tot ein großer Schritt in die richtige Richtung. 1970-01-01 01:00

Medien

© 2012, Schnitt Online

Sitemap