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Wenn Träume fliegen lernen

Finding Neverland. USA/GB 2004. R: Marc Forster. B: David Magee. K: Roberto Schaefer. S: Matt Chessé. M: Jan A.P. Kaczmarek. P: Film Colony. D: Johnny Depp, Kate Winslet, Julie Christie u.a.
Buena Vista ab 10.2.05

Traumlandung

Von Jutta Klocke Peter Llewelyn Davies war 60, als er einer ihn zeit seines Lebens erdrückenden Rolle mittels Selbstmord zu entfliehen beschloß. Aus heutiger Sicht erscheint dieser endgültige Schritt geradezu zynisch, bestand doch seine »Last« ausgerechnet darin, das reale Vorbild für den allerorts beliebten Peter Pan gewesen zu sein. Fast genau hundert Jahre nachdem die Figur seines Namens erstmals eine Bühne betrat, kann Peters 10jähriges Leinwand-Alter ego die Bürde immerhin endlich an ihren rechtmäßigen Träger übergeben. In Marc Forsters biographisch inspirierter Verfilmung der Entstehungsgeschichte des Stücks beteuert der junge Llewelyn Davies: »Ich bin nicht Peter Pan – er ist es«, und meint damit James M. Barrie, den schottischen Schöpfer des Nimmerlandes.

Der wieder einmal denkbar unpassende deutsche Titel täuscht darüber hinweg, daß in dieser Aussage weniger Anerkennung mitschwingt als vielmehr Mitleid. Denn Wenn Träume fliegen lernen ist kein naives Märchen, sondern das Porträt eines an der Realität scheiternden Schwärmers. Eingebettet in die Geschichte seiner Freundschaft zu Peter und dessen drei Brüdern, wird Barrie als empfindsamer Held vorgeführt, der selbst die eigene reale Rolle nicht erträgt und ihr durch die Flucht in eine bunte Kinderwelt zu entkommen versucht. Die liebevolle Ausstattung und die Gleichsetzung von Realität und Phantastie durch deren unvermittelte Montage manipulieren den Zuschauer ebenso wie die Imagination den entrückten Barrie selbst. So selbstverständlich gleitet die Kamera von einer Sphäre in die andere, daß man das Überschreiten der Grenze bald nicht mehr wahrnimmt.

Trotzdem ist der Film nur insofern sentimental, als er den romantischen Blickwinkel seines Helden kommentarlos übernimmt. Forsters große Stärke ist, daß er seine Figur ernstnimmt, ohne sie durch einen psychologischen Erklärungsansatz zu verraten. Der damals kursierende Verdacht der Pädophilie Barries etwa wird zwar erwähnt, aber im gleichen Zuge als absurd abgeschmettert. Dem rationalen Zuschauer wird damit die Suche nach logisch nachvollziehbaren, weil medizinisch untermauerten Ursachen für den Rückzug aus der Realität verweigert. Ebensowenig gibt Forster Barrie einer lächerlichen oder verklärenden Überzeichnung preis und gesteht ihm so die einem jeden Schwärmer innewohnende Tragik zu. In Johnny Depp hat er hierbei einen überzeugenden Verbündeten gefunden, dem man nach Edward Scissorhands, Benny & Joon oder Don Juan deMarco selbst die schrulligste Variation des Weltfremden abnimmt, ohne die Figur albern zu finden.

Umgeben ist der verschrobene Autor von zum Teil recht blaß angelegten Charakteren. Kate Winslet darf als alleinerziehende Mutter nur recht stereotyp ihren Kindern alle Freiheit lassen, um ihren verstorbenen Ehemann trauern und einer schleichenden Krankheit trotzen. Ebenso schematisch bleibt Julie Christies Rolle als strenge, auf Sittlichkeit und gesellschaftlichen Stand beharrende Großmutter. Die erwachsenen Parts rücken aber genügend weit in den Hintergrund der Handlung, daß diese Lücken in der Figurenzeichnung nicht weiter irritieren. Drehbuchautor David Magee erweist sich in seinem Script ebenso konsequent wie Forster in der Inszenierung, indem er auf die Einflechtung einer amourösen Annäherung Barries zu der Witwe bewußt verzichtete. Die ausufernden visuellen Mittel werden ausschließlich in den Dienst des Weltenwandelns und der Beziehung zwischen dem Dramatiker und seinen jungen Freunden gestellt. Stilistisch gesehen hat Forster in die unerschöpfliche Hollywood-Kiste gegriffen; der rührende Effekt, den er damit erzielt, bleibt aber nicht an einer kitschverkrusteten Oberfläche kleben. Die poetische Atmosphäre behält immer einen wehmütigen Beigeschmack ob des Wissens um die Unentrinnbarkeit der Wirklichkeit. Träume lernen eben nie, so hoch zu fliegen, daß der Träumende das wahre Leben jemals ganz hinter sich lassen könnte. 1970-01-01 01:00

Abdruck

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