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Wenn der Nebel sich lichtet

Limbo. USA 1999. R,B,S: John Sayles. K: John Schwartzman. M: Mason Daring. D: Mary Elizabeth Mastrantonio, David Strathairn, Vanessa Martinez, Kris Kristofferson u.a.
123 Min. Columbia ab 9.9.99
Von Thomas Waitz Wir tauchen mit der Kamera ein ins dunkle, schwarze Meer. Ein Schwarm Lachse, bedrohlich nahe. Es müssen Hunderte, Tausende sein. John Sayles’ neuer Film spielt in der nahezu menschenleeren, unendlichen Wildnis Alaskas aus Wasser, Bergen und Wäldern. Keine Idylle, sondern grau und kalt. Die Zeit vergeht, heißt es, doch natürlich ist es nur unser eigenes Leben, das vergeht. Ein Mann, eine Frau. Beide sind irgendwann aufgebrochen und haben sich, so scheint es, in eine Sackgasse begeben. Joe Gastineau ist ein ehemaliger Fischer, traumatisiert nach einem schweren Unfall, bei dem zwei seiner damaligen Mitarbeiter das Leben verloren. Donna DeAngelo, Sängerin, talentiert, mäßig erfolgreich. Sie hat eine Tochter, Noelle, die schon lange nicht mehr auf sie hört. John Sayles erzählt eine Liebesgeschichte, und er erzählt, wie sich eine zusammengefundene Gemeinschaft in einer Extremsituation ums Überleben kämpfend bewähren muß. Gibt es eine Chance auf Rettung? Und wenn: Wie ist ein Weiterleben möglich? Vielleicht es noch einmal zu versuchen, eine zweite Chance zu bekommen, ganz von vorne anfangen.

In der Thematisierung einer Ausnahmesituation, die zur persönlichen Bewährungsprobe erwächst, scheint Wenn der Nebel sich lichtet absehbar und ein im besten Fall spannend erzählter Thriller. Doch der Eindruck täuscht: Der Anfang mag noch ganz auf den gewohnten Kosmos der Sayles-Filme hindeuten: Das großes Personal, die präzise, authentische Milieubeschreibung – wie etwa zuletzt in Lone Star und City of Hope. Doch je weiter der Film fortschreitet, desto häufiger werden die Brüche, und Sayles verweigert sich an jedem Punkt seiner Erzählung immer stärker den offenkundigen Erwartungen der Zuschauer. Der Verzicht auf ein happy ending, der Verzicht auf ein Ende überhaupt ist da nur konsequent. An dem einen Punkt des Films, an dem sich die Handlung inhaltlich dramatisch auf eine Entscheidung zuspitzt, werden wir allein gelassen – ohne auftrumpfenden score oder riesigen crane-shot. Sayles stellt auf eine altmodische, unaufdringliche Art die Frage nach Schuld und Erlösung. Worauf können wir hoffen? Die kompromißlose, radikale Weise, auf die er dies filmisch macht, und das vorzügliche Ensemble (insbesondere Vanessa Martinez ist hier zu nennen) macht Wenn der Nebel sich lichtet zu einem der herausragenden, ungewöhnlichsten und schönsten Filme des Jahres. 1970-01-01 01:00
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