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Weltverbesserungsmaßnahmen

D 2005. R: Tom Schreiber. R,B: Jakob Hüfner, Jörn Hintzer. S: Dan Loghin, Carolin Ernstling u.a. P: Datenstrudel.
88 Min. Concorde ab 11.8.05

Zeitgeisty

Von Kyra Scheurer Deutschland muß schöner werden und gerechter und sinnvoller und überhaupt. Deutschland? Die Welt! Das ist möglich. Und es fängt klein an. Mit einem kleinen Film etwa, der mal ein Kultfilm werden möchte und sich einen ähnlichen Titel wie sein älterer Bruder Muxmäuschenstill gegeben hat, einen Titel, der fast zu groß ist für den kleinen Film: Weltverbesserungsmaßnahmen. Ein böser, schwarzer Kommentar zur »Ruck«-Rhetorik in Hartz IV-Deutschland will der Film sein, ein Ruf nach mehr Spinnern wie Kolumbus, die einer fixen Idee folgen, ein Spiel mit Zuschauer-Sehnsüchten und der Ambivalenz von Utopien, und ohne Ironie geht deswegen gar nichts – ein Kultfilm halt, das will er sein.

Dazu paßt das Genre Fake-Doku, dazu paßt eine episodische Struktur, dazu passen schräge visuelle Vorbilder wie verwackelte Bilder, zu lange Einstellungen und 0-Effekte aus Boulevard-Magazinen einerseits und einleitende historische Bilder und die Befragung des immergleichen »Experten« zu allen Themen im Stil von Alexander Kluges »Facts & Fakes« andererseits. Dazu paßt auch die Entstehungsgeschichte von jungen Filmemachern, die mitten in der Branchenkrise deren langfristige und kostspielige Produktionszyklen unterlaufen und einfach monatlich eine Episode drehen im Vertrauen auf das Anarchische, Spontane – Geld wird ganz kultig von Freunden und der Filmstiftung geliehen.

Und der Inhalt? Wie wird denn nun die Welt verändert? Durch den »sorbischen Euro«, Geld mit begrenzter Haltbarkeit, das zum Konsum antreibt. Oder die »Aktion 1,90«,die per Absatzschuhen erreichen will, daß alle Menschen sich auf Augenhöhe begegnen. Oder das »Projekt neue Energie«, das Sparpotential im Tempo menschlicher Bewegung ausgemacht hat. Oder, oder, oder… Die sieben sehr heterogenen Episoden sind nicht alle von gleicher Qualität, mancher Witz erschöpft sich schnell, 75 Minuten sind zu lang, vieles kommt zu »zeitgeisty« daher, aber jede einzelne Episode entlockt einem ein Lachen – mindestens ein kleines. 1970-01-01 01:00

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #39.
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