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Weltverbesserer auf dem Schlachtfeld

C. O. B. – Civilians on the Battlefield. D 2006. R,B: Teresina Moscatiello. B: Andres Veiel. K: Jakob Rühle. S: Nelia Székely. P: Deutsche Film- und Fernsehakademie Berlin, Sinafilm Produktion.
86 Min. Sinafilm ab 25.1.07

Ein unmoralisches Angebot

Von Patrick Hilpisch 2.000 Euro für drei Wochen Arbeit. Was heißt Arbeit. Ein Spiel ist es – genauer ein Kriegsspiel. Für 21 Tage ist man auf einem Truppenübungsplatz der US-Army im oberpfälzischen Hohenfels Teil einer Simulation. Ob arabischer Terrorist, Tankstellenbesitzer oder Scheich – als ziviler Statist auf dem Schlachtfeld macht man GIs für den Ernstfall im Nahen Osten fit. Natürlich wohnt man für diese Zeit nicht im Four Seasons, und man muß sich in militärischem Gehorsam üben, denn sonst ist es Essig mit dem schnell verdienten Geld.

Von der Außenwelt abgeschnitten ist man ebenfalls. Kein Handy, kein Internet, der Lagerkoller ist fast schon vorprogrammiert. Aber die Gewißheit, den Jungs für ihren potentiellen Einsatz im Krisengebiet fundierte Hilfe geleistet zu haben, sollte diese Unannehmlichkeiten schon aufwiegen. Auch wenn Berichte aus echten Krisengebieten nahelegen, daß es wohl nicht so ganz mit dem Transfer von der Simulation ins Reale funktioniert. Oder ist das Ganze doch eher ein unmoralisches Angebot?

Regisseurin Teresina Moscatiello stellt in Weltverbesserer auf dem Schlachtfeld vier Menschen vor, die dieses Angebot gleich mehrmals angenommen haben. Zwei Männer und zwei Frauen, alle zwischen 25 und 32 Jahren, die ihre Erfahrungen und Eindrücke aus der Statistenzeit in Hohenfels zum Besten geben. Das große Kopfschütteln beim Zuschauer getreu dem Motto »Die spinnen, die Amis!« bleibt jedoch aus, vielmehr rücken die Charaktere der vier »Protagonisten« im Laufe des Films immer mehr in den Mittelpunkt, ihre Motivationen, trotz teils stark divergierender politischer Ansichten ein solches Projekt zu unterstützen bzw. sich durch dieses teilzufinanzieren.

Hier tun sich Widersprüche auf, die von den vier Kriegsstatisten nicht vollständig aufgelöst werden (können). Es entstehen vier Porträtfragmente, die darlegen, wie schnell Vertreter der Generation »25 plus« Ideale und Werte zurechtbiegen, um sich im Leben zurechtzufinden, es zu meistern, ihr Glück zu finden, und sei es nur in Form einer neuen Gitarre. Die Teilnahme an einem eigentlich nicht mit den eigenen Grundsätzen zu vereinbarenden Kriegsmanöver ist da nur ein unmoralisches Angebot unter vielen.

Teresina Moscatiello, die 2003 selbst zu Recherchezwecken als Statistin in Hohenfels mitwirkte, gibt in ihrem Dokumentarfilm zwar zahlreiche Hintergrundinformationen zu den Aktivitäten auf dem Truppenübungsgelände der US-Army, läßt Offizielle sowie Einheimische zu Wort kommen und schlägt nachdenkliche Töne zu Sinn und Unsinn solcher Kriegsspiele an, doch der wahre Fokus liegt auf der Korrumpierbarkeit und der oftmals fehlenden Reflexionsbereitschaft der Menschen. Was tun wir für Geld, Erfolg und einen komfortablen Lebensstil? Und wie rechtfertigen wir dies vor anderen oder uns selbst? Bei einigen der Beteiligten scheint sich erst durch den »erzwungenen« Diskurs in der Interviewsituation ein Bewußtsein für die Widersprüchlichkeit zwischen verbalisierter Geisteshaltung und tatsächlicher Handlung zu entwickeln. Der Schein kann allerdings auch trügen. 1970-01-01 01:00
© 2012, Schnitt Online

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