— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Weil ich ein Mädchen bin

But I'm a Cheerleader. USA 1999. R: Jamie Babbit. B: Brian Wayne Peterson. K: Jules Labarthe. S: Cecily Rhett. M: Pat Irwin. P: Franchise. D: Natasha Lyonne, Cathy Moriarty, RuPaul Charles, Bud Cort u.a.
89 Min. Advanced ab 21.12.00
Von Frank Brenner Hollywood tut sich seit Jahren schwer damit, Homosexualität angemessen zu behandeln und als Hintergrund für interessante Geschichten zu nutzen. Die besten Genrebeispiele kommen deshalb aus dem Independent-Bereich und werden von den meisten Zuschauern im Kino kaum eines Blickes gewürdigt. Ihnen ist eine Auswertung auf Festivals, in Programmkinos oder auf arte vorbestimmt. Die Hollywoodvariante des Schwulen- oder Lesbenfilms ist laut, schrill, bunt und deswegen meist ein Musterbeispiel für eine anspruchslose Komödie (man denke an The Birdcage – Ein Paradies für schrille Vögel, In & Out oder To Wong Foo, Thanks for Everything! Julie Newmar). In diesem Rahmen scheint es auch verzeihlicher zu sein, daß die Figuren sämtlichen Sexualstereotypen genügen und die meisten Vorurteile eines unwissenden Publikums eher bestätigt als revidiert werden. Solange die USA, das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, in weiten Teilen ihrer ländlichen Bereiche noch immer aus Ignoranz und Tradition heraus eher homophob eingestellt sind, wird sich daran auch so bald wohl kaum etwas ändern.

Jamie Babbits Kinoerstling ist im erzkonservativen Mittelwesten angesiedelt und schafft es, das Genre der Homosexuellenkomödie eine Stufe weiter zu bringen, weil die Regisseurin ihre Figuren ernst nimmt und ihnen neben allerlei wohlbekannter klischisierter Verhaltensweisen auch wahre Gefühle zugesteht und diese ins Bild setzt.

Es geht um die sympathische Cheerleaderin Megan (süß: Natasha Lyonne aus Everyone Says: I Love You), die von ihrer Familie und ihren Freunden als Lesbierin geoutet und in ein Rehabilitations-Camp für Homosexuelle mit Namen »True Directions« geschickt wird. Dort wird den »auf die falsche Bahn geratenen« Jugendlichen von einer resoluten Cathy Moriarty in Pink und einem Ex-Gay in Blau (der Dragstar RuPaul in einer witzigen Paraderolle voller Selbstironie) beigebracht, wie sie wieder normal werden können (»Straight is great!«). Dazu müssen sie natürlich ebenfalls dem Geschlecht farblich angepaßte Kleidung tragen und hormonspezifische Aufgaben bewältigen (Jungs Autos reparieren und Holzhacken, Mädels Fußböden reinigen und Windeln wechseln). Was passiert, liegt auf der Hand: So viele gleichgeschlechtlich orientierte Jugendliche auf einem Haufen scheren sich bald einen Dreck um die Moralvorstellungen der »Lehrkräfte« und fangen stattdessen an, ihren Gefühlen freien Lauf zu lassen.

Letztendlich ist Babbits Film eine klare Absage an kleinkariertes und intolerantes Denken und ein Plädoyer dafür, zu seinen wahren Gefühlen zu stehen und gesellschaftliche Barrikaden zu überwinden. Sie wählt für diese Botschaft den grellen Look eines Popmusicals mit beschwingtem Soundtrack, bei dem die Räume Pretty in Pink und die Klamotten ebenso schreiend ausgewählt wurden (John Waters läßt grüßen; nicht nur, weil eine seiner Lieblingsdarstellerinnen, Mink Stole, in einer Nebenrolle überzeugt). Mit solchen Filmen werden sich selbst die Einwohner des Mittelwestens in ihren Ansichten eines Besseren belehren lassen. Vorausgesetzt allerdings, sie gehen zu Filmfestivals oder schalten ab und zu »arte« ein. 1970-01-01 01:00

Abdruck

© 2012, Schnitt Online

Sitemap