— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Wehrlos – Die Tochter des Generals

The General's Daughter. USA 1999. R: Simon West. B: Christopher Bertolini, William Goldman. K: Peter Menzies. S: Glen Scantlebury. M: Carter Burwell. P: Paramount. D: John Travolta, Madeleine Stowe, James Cromwell, Timothy Hutton, James Woods u.a.
116 Min. UIP ab 18.11.99

Erfrischend unpatriotisch

Von Frank Brenner Die Amerikaner sind ein patriotisches Volk. Würde man sich nur nach ihren Militär- und »Staatsfilmen« ein Urteil bilden, wohl sogar das patriotischste der Welt. Ein aufrechter Amerikaner hat in der Selbstverteidigungsinstanz seines Landes, dem Militär, seinen Mann zu stehen. Dann klappt es auch automatisch mit der Karriere – und natürlich auch in der Liebe.

Derlei wurde uns schon zur Genüge vorexerziert, sei es am Beispiel der Air Force (Top Gun), der Navy (Crimson Tide) oder der Kadettenausbildung (Taps). Alle diese leicht konsumierbaren Filme singen ein Loblied auf uramerikanische Ideale und sind deshalb im Ausland meist verhaltener aufgenommen worden als in ihrem Entstehungsland.

Hin und wieder schafft es jedoch auch ein Amerikaner, einen Film über das US-Militär zu drehen, der nicht zur Werbeshow gerät und durchaus kritisch Stellung bezieht. Ich denke da vor allem an Robert Altman (Streamers), Stanley Kubrick (die erste Hälfte von Full Metal Jacket) oder an Rob Reiner (A Few Good Men). Sie haben gezeigt, daß die Westen der Generäle keinesfalls immer so weiß sind, wie es viele ihrer Regiekollegen propagieren, und daß das Army-Leben nicht unbedingt ein Zuckerschlecken ist.

Simon West, preisgekrönter Werbeclipregisseur und seit Con Air auch erfolgreich im Filmgeschäft tätig, gehört erfreulicherweise zu der letztgenannten Gruppe. Sein Film Wehrlos – Die Tochter des Generals weckt beim Zuschauer nicht den unbändigen Wunsch, fortan eine Militärkarriere einzuschlagen, sondern läßt ihn vielmehr bestürzt und einigermaßen ernüchtert zurück.

Alles dreht sich um das Schicksal eines weiblichen Captain in dem noch immer von Männern dominierten Mikrokosmos der US-Army. Doch anders als in Ridley Scotts unsäglichem Drillfilm G.I. Jane mit Demi Moore stehen hier die Schattenseiten dieser Emanzipationsgeschichte im Vordergrund. Die Tochter des Generals wurde nämlich brutal ermordet, und die Ermittlungen des C.I.D. (Criminal Investigation Department)-Beamten fördern einen Wust unliebsamer Details über den Militäralltag auf der Südstaaten-Basis Fort MacCallum zutage. John Travolta spielt diesen Ermittler, dessen Konflikt zwischen seinen militärischen und seinen polizeilichen Pflichten dem Film zusätzliche Spannung verleiht.

Nebenbei greift Wehrlos noch eine ganze Reihe weiterer Problematiken auf: die psychologischen Folgen einer Vergewaltigung, ein von militärischem Gehorsam unterdrückter Familienkonflikt und Homosexualität beim Militär. Daß der Film trotz dieser thematischen Überfrachtung nicht aus den Fugen gerät und seine Aussage klar formulieren kann ist das Verdienst von Regisseur Simon West.

John Travolta, dessen Körpervolumen so langsam in das von Marlon Brando abdriftet, blüht vor allem in den Szenen auf, in denen er mit James Cromwell oder James Woods agiert. Beide spielen kaum zu durchschauende Militärgrößen, deren Verhalten Fragen aufwirft, die während des Films mit Überraschungen aufgelöst werden. Die Frauenfiguren bleiben indes leider allzu blaß. Leslie Stefanson, der die undankbare Rolle der Titelfigur zufällt, ist entweder mit den Spuren einer brutalen Vergewaltigung oder mit blau unterlaufenem Gesicht als Leiche zu sehen. Und Madeleine Stowe wirkt neben der nicht nur körperlichen Präsenz von Superstar Travolta wie eine Randfigur.

Sieht man einmal von diesen kleineren Mankos ab, bleibt ein durchaus bemerkenswerter Film übrig. Immerhin kommt es nicht allzu oft vor, daß sich ein Mainstream-Film einer solchen Thematik annimmt, ohne seine Aussage durch den übermäßigen Einsatz von Schaueffekten im Laufe der Handlung aus den Augen zu verlieren. 1970-01-01 01:00
© 2012, Schnitt Online

Sitemap