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We feed the World

A 2005. R,K,S: Erwin Wagenhofer. M: Helmut Neugebauer. P: Allmedia.
96 Min. Delphi ab 27.4.06

Tischlein deck dich

Von Mark Stöhr Stellen wir uns vor, wir sind in Wien und gehen schön frühstücken. Schinken, Käse, Milch, Zucker, Eier und Joghurt. War unsere Anreise schon nicht kurz, liegt jene der Produkte um ein Vielfaches höher: mindestens 5.000 Kilometer, hat ein Institut errechnet, wohlgemerkt auf der Straße. Will man auf eine Kiwi aus Neuseeland nicht verzichten, kommen noch einmal über 1.000 Straßenkilometer dazu – nach einer halben Weltumrundung auf dem Schiff. Daß dabei für die Produzenten und Spediteure nicht viel abfällt, weiß man, daß die Umwelt unter dem Transport ächzt, ebenfalls, und mit wie viel Chemie solche Produkte fit gespritzt werden, um eine derart lange Fahrt überhaupt unbeschadet zu überstehen, will man sich gar nicht ausmalen.

Die global vernetzte Lebensmittelproduktion ist reich an solchen Beispielen aus dem Horrorkabinett der ökonomischen Logik. Gemüse aus den horizontweiten Treibhäusern Südspaniens etwa, wo wegen der extensiven Bewässerung das Wasser ringsum knapp wird. Geerntet zudem überwiegend von afrikanischen Migranten, die wegen fehlender Aufenthaltspapiere schlechte Karten in – wenn sie denn stattfinden – Lohnverhandlungen haben. Gewiß waren einige von ihnen im früheren Leben Bauern und verloren ihre Existenz, weil europäische Früchte auf vielen afrikanischen Märkten aufgrund von Exportsubventionen um bis zu zwei Drittel billiger sind als die einheimischen. Die Liste ließe sich endlos fortsetzen: Sojabohnen aus Lateinamerika fürs westliche Vieh, Gen-Getreide aus den EU-Beitrittsländern, 550 Betriebsaufgaben westeuropäischer Landwirte – pro Tag.

Der österreichische Dokumentarfilmer Erwin Wagenhofer hat sich in zweijähriger Arbeit auf die Fährte der weltweiten Produktion und Distribution unserer Lebensmittel gesetzt. Sein Risiko lag dabei weniger in der Recherche als im Projekt an sich: Warum einen Film über ein Thema ins Kino bringen wollen, das nicht selten in ernsthaften Printmedien oder investigativen TV-Formaten zu Gast war und ist? Wie also eine Geschichte anders und neu erzählen, die schon alle zu kennen meinen? Viele haben sich am engagierten Kinodokumentarfilm versucht, zuvorderst und in jüngerer Zeit Hubert Sauper mit seinem preisgekrönten Darwins Alptraum (2004). Da schwitzte und troff es nur so vor forcierter Empörung, da fügte sich alles zu einer geschlossenen Fabel, die kein dramaturgisches Wirkungsinstrument ungenutzt ließ.

Wagenhofer hingegen arbeitet offen, bewegt sich tastend, wägt ab und argumentiert statt zu emotionalisieren. Ihm geht es nicht um Skandal und Enthüllung, sondern um das Nachzeichnen von Zusammenhängen, schlicht: um Information. Hier will einer etwas wissen, und genau darin gründet die Glaubwürdigkeit dieses Films. Daß die Tendenz eindeutig ist – dafür sorgt schon allein der UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung, Jean Ziegler, der als immer wiederkehrender streitbarer Geist den Rhythmus vorgibt – erscheint nur allzu verständlich, denn im Ernst: Welcher klar denkende Kopf, selbst mit Profitinteresse, würde bestreiten, daß etwas schief läuft, wenn in Brasilien riesige Flächen Tropenwald für den Anbau von Soja gerodet werden, auf einem Boden zudem, der dafür ungeeignet ist und erst mit Tonnen von Düngern in die adäquate Verfassung gebracht werden muß?

Am Ende hat dann sogar noch Peter Brabeck, der Chef von Nestlé International, seinen Auftritt, auch er ganz unaufgeregt und unpolemisch in Szene gesetzt, als einer halt, der zum Thema globalisierte Lebensmittelproduktion – weiß Gott – etwas zu sagen hat. Und das tut er auch: »Wir haben noch nie so gut gelebt, wir hatten noch nie so viel Geld, wir waren noch nie so gesund, wir haben noch nie so lange gelebt wie heute. Wir haben alles, was wir wollen.« Sprach's und brachte danach wahrscheinlich mit einem kurzen Telefonanruf die Wasserversorgung des nächsten Entwicklungslandes unter seine Kontrolle. Warum ist der größte Feind nur so oft die coolste Sau? 1970-01-01 01:00

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