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Water

IND 2004. R,B: Deepa Mehta. K: Giles Nuttgens. S: Colin Monie. M: Mychael Danna. P: Deepa Mehta Films, Flagship International u.a. D: Sarala, Manorama, Lisa Ray, Seema Biswas u.a.
117 Min. Universum ab 7.9.06

Quelle der Wahrheit

Von Franziska Heller Aus westlicher Sicht ein äußerst irritierender Anfang: 1938 in Indien, ein kleines achtjähriges Mädchen wird mitten in der Nacht geweckt: »Dein Mann ist gestorben. Du bist jetzt eine Witwe!« Die große Verblüffung, die einen darüber befällt, daß die kleine Chuyia tatsächlich schon die Ehefrau eines erwachsenen Mannes war, wird von der eindringlichen Schilderung der nun folgenden Verhältnisse noch übertüncht.

Mit der Bezeichnung »Witwe« wird der zeitlose Zustand initiiert, in den die kleine Chuyia verpflanzt wird. Zu Beginn des Films zitiert eine Schrifttafel eine religiöse Formel, die von einer Witwe ewige Treue dem Verstorbenen gegenüber abverlangt. Andernfalls werde sie als Schakal wiedergeboren. Daraus folgt die Vorstellung, daß die Frauen durch den Tod ihres Mannes ein schlechtes Karma verbreiten. Deshalb müssen die Witwen außerhalb der Gesellschaft in einem Haus zusammenleben. Sie sind durch Kleidung und Frisur stigmatisiert und vegetieren am Existenzminimum. Chuyia wirbelt das Leben in dem Witwenhaus erst einmal richtig auf. Sie will nicht akzeptieren, daß eine Frau halbtot sein soll, wenn ihr Mann verstorben ist. Mit ihr lernt man das Leben und die Schicksale im Haus kennen. Die ruhige Shakuntala hilft Chuyia gegen die despotische Madhumati, zeigt sich aber dennoch der Religion und Tradition äußerst ergeben. Einen ersten richtigen Lichtblick sieht Chuyia, als sie auf die wunderschöne Witwe Kalyani trifft.

Kalyani ist aus zunächst unerfindlichen Gründen die einzige, die noch lange Haare trägt, während die Köpfe aller anderen Frauen in dem Haus geschoren sind. Sie wird Chuyias Freundin. Die ausgelassenen Momente zwischen beiden erhalten eine besondere Intensität im farblosen Alltag des Witwendaseins: Man haust in einem verblichenen Mauerwerk, man fastet und hungert, bettelt in der Stadt. Immer sind die Witwen in ihre weißen, schlichten Gewänder gehüllt. Das Bunte und Fröhliche sehen sie nur an den »lebenden« Menschen.

Man könnte viele symbolische und religiös motivierte Analogien zum titelgebenden Element des Wassers ziehen. Doch nimmt das Wasser eher eine strukturelle Funktion ein. Je nach Kontext und Situation ist es in diesem Film Ort der Reinigung, der Zuhälterei, des Todes, der Freude oder der Liebe. Es erscheint ohne feste Form und wirkt immer nur als Reflektor und Katalysator für die intensiven sinnlichen und emotionalen Erfahrungen, die die Figuren und mit ihnen der Zuschauer durchleben. In dem Gewirr aus Zwängen für die Frauen tun sich in der Ausweglosigkeit Abgründe auf, die von der kulturellen und sozialen Spezifik des kolonialisierten Indiens erzählen. Teile der Gesellschaft arrangieren sich, um ihre Begierden befriedigen zu können.

So betätigt sich die Matriarchin Madhumati als Zuhälterin und zwingt Kalyani, bei reichen Männern das Geld anschaffen zu gehen, wovon dann das Witwenhaus lebt. Die traurigste Entwicklung aus diesen Verhältnissen der Doppelmoral ist nun, daß einer dieser Kunden ausgerechnet der Vater jenes aufgeklärten und liberalen jungen Mannes ist, der Kalyani gegen alle Traditionen zur Frau nehmen will. Dieser Wendepunkt in der Geschichte ist wohl einer der ergreifendsten – auch in seinen Folgen für alle Beteiligten. Zwar versucht die bisher nur still zweifelnde Shakuntala den durch Traditionen gerahmten zwangsläufigen Gang der Dinge zu ändern, doch am Ende bleibt nur ein Bild von ihr, während der Hintergrund und die Umgebung in der Zeitlosigkeit versinken.

Mahatma Ghandi, hier zeitgeschichtlich kontextualisiert, predigt in diesem Film: »Gott ist nicht die Wahrheit, sondern die Wahrheit ist Gott.« Genauso wie jede der Frauen in ihrem Schicksal ihre eigene Wahrheit und Positionierung finden muß, so vermittelt Water – gemäß der amorphen Form seines Elements – keine eindimensionale Wahrheit über die beschriebenen Zustände. Der Film befremdet nicht nur in seiner Sujetwahl. Es gelingt ihm in der Fremdheit undramatisch und ungekünstelt – getragen von faszinierenden Schauspielerinnen – bei aller formalen Andersartigkeit eine subtile Betroffenheit zu erlangen.

Das Verschwimmen der unterschiedlichen Interessen und Vorstellungen der Charaktere wird über die durchdachte Dramaturgie und vor allem die Figurenführung sinnlich in der Ausweglosigkeit und dem Gefühl des dauernden Zustands ausgedrückt. Die »Wahrheit« hinter diesem Film und die daraus resultierenden Konsequenzen werden in der letzten Schrifttafel in die Verantwortung des Zuschauers gelegt: Die letzte Volkszählung 2001 in Indien ergab 34 Millionen Witwen. Viele sollen noch in ähnlichen wie den im Film beschriebenen Verhältnissen leben. 1970-01-01 01:00

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