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Was tun wenn's brennt

D 2001. R: Gregor Schnitzler. B: Stefan Dähnert, Anne Wild. K: Andreas Berger. S: Hansjörg Weißbrich. M: Stephan Zacharias, Stephan Gade. P: Claussen + Wöbke. D: Til Schweiger, Martin Feifel, Sebastian Blomberg, Nadja Uhl, Doris Schretzmayer, Klaus Löwitsch u.a.
102 Min. Columbia ab 31.1.02
Von Oliver Baumgarten Was tun, wenn's brennt? »Brennen lassen«, grölt eine gut gelaunte sechsköpfige Punktruppe in die Linse der Kamera. Recht nostalgisch kommt der dynamische Vorspann daher, unterlegt mit einem Fehlfarben-Klassiker und gedreht in schmutzigem Super8. Eine Clique bunter Hausbesetzer gibt in flottem Tempo die Anleitung zum Basteln einer Bombe unter Zuhilfenahme simpel zu beschaffender Hausmittel. Dazwischen geschnitten Szenen des beliebten Katz-und-Maus-Spiels mit der Polizei auf diversen Räumungsaktionen. So war das 1987 in Kreuzberg, als Berlin noch Platz für echte Subversion bot und es allerorts hieß: Anarchie ist machbar, Herr Nachbar.

Dreizehn Jahre später glauben vier der sechs, diese Zeit gänzlich hinter sich gelassen zu haben und gehen einem mehr oder weniger bürgerlichen Leben nach. Von ihrer Hausbesetzer-Vergangenheit blieb nichts als die Erinnerung an einen schlechten Film. Mit einem wahren Knall holt sie die Zeit allerdings ein. Ein verbliebenes und vergessenes Exemplar der Heimwerkerbombe geht nach dreizehn Jahren hoch, und Tim und Hotte, zwei (mittlerweile) Altpunks, versuchen die Clique von damals für eine letzte subversive Tat zu reaktivieren. Es gilt, den legendären Super8-Film, der als Beweis gegen sie in der Asservatenkammer der Polizei lagert, verschwinden zu lassen.

Die Versöhnung mit der Linken ging sich im vergangenen Jahrhundert in Deutschland von jeher schwer an – Schnitzler jedoch legt mit seinen Besetzern diesbezüglich ein Tempo vor, das manch einem sicherlich zu happig sein dürfte. Der Brückenschlag von RAF-Zeiten und der Gegenwart beispielsweise ist filmisch mit Die innere Sicherheit erst nach knapp dreißig Jahren gelungen. Vielleicht ist es reiner Zufall, doch auch Schnitzler streift mit seinen Drehbuchautoren ein Detail jenes wichtigen Kapitels. Zumindest erstaunt die Tatsache, daß die antiimperialistisch agierenden Figuren ihre destruktive Haltung über das Filmemachen ausdrücken. Mit ihrer filmischen Anleitung zum Bau eines Brandsatzes bedienen sie sich immerhin eines Mittels, das 1968 auch der DFFB-Student und spätere RAF-Terrorist Holger Meins in Berlin praktizierte, als er den Kurzfilm Herstellung eines Molotowcocktails drehte. Er flog für seine politische Radikalität von der Schule und ging später in den Untergrund – seine Kunst erschien ihm wirkungslos. In Was tun, wenn's brennt? führt die Kunst am Ende wenigstens die »I love Bill Gates«-T-Shirt tragenden Yuppies zu ihren Wurzeln zurück und offenbart darin einen mit dickem Pinsel gemalten Versöhnungsgestus.

Die Art und Weise, wie Gregor Schnitzler in seinem Debüt die anarchistische Hausbesetzer-Szene, die ehedem als aus gewaltbereiten und republikzersetzenden Chaoten bestehend eingestuft wurde, in einen geradezu heroisierenden Kontext setzt, ist verblüffend. Zeitlupen, stylische Draufsichten, Action und das Posen seines Stars: Im makellosen Outfit eines Unterhaltungsfilms ersten Ranges gelingt es Schnitzler, blendend zu unterhalten und dabei eine Solidarität zu erzeugen, die in ihrem Gut/Böse-Schema ebenso naiv wie effektiv ausfällt. Er ist sich der Wirkung seiner Kunst sicher und plaziert seinen filmischen Brandsatz auf Hochglanz poliert an einen reizbaren Ort. Nur nimmt die Politur ein Vielfaches seines Schreckens, so daß sich entweder gerührt oder verärgert feststellen läßt: Die Unterhaltung schließt die Subkultur in ihre populistischen Arme. Ein vermutlich unvermeidbarer Zug unserer Zeit, in der der Pop den Punk schon längst vereinnahmt hat. Und so schwingt fast ein wenig Sarkasmus mit, wenn Jan Plewka die Fehlfarben covert: Geschichte wird gemacht, es geht voran! 1970-01-01 01:00

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