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Was nützt die Liebe in Gedanken

D 2003. R,B: Achim von Borries. B: Hendrik Handloegten, Alexander Pfeuffer, Annette Hess. K: Jutta Pohlmann. S: Gergana Voigt, Antje Zynga. M: Thomas Feiner, Ingo L. Frenzel. P: X Filme. D: August Diehl, Daniel Brühl, Anna Maria Mühe, Jana Pallaske u.a.
90 Min. X Verleih ab 12.2.04

Seelisches Dämmerlicht

Von Susanne Bohlmann Ob's edler im Gemüt, die Pfeil und Schleuder des wütenden Geschicks erdulden, oder sich waffnen gegen eine See voll Plagen und enden im Aufstand? Das ist hier die Frage. 1927 haben zwei Schüler einen Selbstmörderclub gegründet, indem sie sich verpflichteten, ihr Leben in dem Augenblick zu beenden, da sie keine Liebe mehr empfinden, und jene mit in den Tod zu nehmen, die sie ihrer Liebe beraubten. Sie machten Schlagzeilen. Zwei Jugendliche starben und erregten in einem Prozeß das Aufsehen der Öffentlichkeit.

Dieses Ereignis ist Grundlage für Achim von Borries' Film Was nützt die Liebe in Gedanken. Auf der Suche nach einem nachvollziehbaren Motiv für jene Tat wird die Uhr zurückgedreht in die Zwanziger und in eine Zeit der ersten Male. In eine Zeit, in der das Kind, naiv und verträumt, einen Blick auf die ungeschminkte Realität erhascht. Die Bereitschaft, jedes Gefühl in noch so unzensierter Weise in sich aufzusaugen, ist stärker denn je. Wer die Intensität der neu erfahrenen Emotionen und den ehrlichen und direkten Blick auf die existentiellen Fragen des Seins nicht verarbeiten kann, geht unter. Die anderen werden zu akzeptierten Mitgliedern unserer Gesellschaft.

Vielleicht ein bißchen abgestumpft und aus Beweggründen wie Angst und Schuldgefühlen handelnd, aber akzeptiert. Der Zustand des »seelischen Dämmerlichts«, wie es der Strafverteidiger damals formulierte, steht hier im Mittelpunkt des Geschehens.

Obgleich die Bilder schwer poetisch und tiefgründiger Natur sind, die Motivansätze in jedem Blick und jedem Wort gesucht werden, ist die Lösung ganz einfach. Schlicht und ergreifend stellt Achim von Borries einen Film vor, der in seiner Stille und Poesie den Figuren so nah kommt, daß jenes Ende nachvollziehbare Konsequenz wird. Es geht ganz einfach um Liebe und Tod, den Stoff, aus dem Geschichten sind, und die Frage: Sterben, schlafen und sagen mit dem Schlaf vorbei das Herzweh und die tausend Qualen? 1970-01-01 01:00

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #33.
© 2012, Schnitt Online

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