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Was lebst du?

D 2004. R,B,K,S: Bettina Braun. S: Gesa Marten. P: Icon Film.
84 Min. RealFiction ab 13.10.05

Identitätssuche

Von Christian Lailach Klingelpütz, Köln-Hansaring. Eine Anlaufstelle, ein Jugendzentrum. Hier verbringen zum Großteil junge Migranten ihre Freizeit, versuchen zu rappen, schrauben an Autos und unterhalten sich über Familie, Schule und das Leben. Wie wir alle.
Stopp.
Heißt das jetzt eineinhalb Stunden »Ey, Alter«-Dialoge? Ja. Und nein. Denn über diese siegt die Gewohnheit, wie in der Straßenbahn auch. Der ganze Rest, der eigentliche, ist: schnell, spontan, vielschichtig. All das ohne den gefürchteten Integrationszeigefinger.

Ali, Kais, Alban und Ertan heißen die vier Protagonisten in Brauns Dokumentarfilm. Oder Dokumentar-Drama? Leichte Züge eines solchen im klassischen Sinne hat der Film, wenn er immer neue, doch ähnliche Geschichten erzählt; vom Alltag und seinen Problemen der vier jungen Muslime, denen der Koran ebenso viel bedeutet wie einem 20-jährigen Christen die Bibel. Die vier offenbaren, was sie bewegt, woher sie kommen und wohin sie gehen, wollen. Was sie leben. Der Betrachter sieht sie träumen und ihre Zukunft immer wieder neu ordnen, begleitet sie bei den Versuchen, ein eigenes Leben aufzubauen. Gerade hier entspringt das ein oder andere Mal die Gewißheit, daß sie zudem ein Problem zu bewältigen haben, das nur sie verbindet. Das Problem, eine fremde Kultur mit in ihr unbekannten Werten zu vereinen; was wiederum im Subtext den Schluß zuläßt, ihnen eine intensivere Auseinandersetzung mit dem Leben, weit ab von der bürgerlich geprägten, zuzusprechen. Oder zumindest die Möglichkeit dazu offenbart.

Braun gelingt dies auf eine beeindruckende Art und Weise. Sie begleitet die vier über beinahe zwei Jahre, zeigt Höhepunkte, Niederlagen, Alltäglichkeiten. Sie spricht mit ihnen; und sie sprechen mir ihr. Dabei kommt sie keinem der vier zu nahe, als daß Was lebst du? von Einzelschicksalen erzählen könnte. Mit einer freundschaftlichen Distanz, einem Mosaik aus allgemeinen und persönlichen Bildern sowie dem Verzicht auf einen linearen Zeitstrang erreicht Braun eine vieldeutige Flexibilität. Diese wird zum Spiegel des spannend langweiligen Lebens.

Letztlich wird wahrscheinlich Ole, mit dem Braun die erste Hälfte des Filmes schwanger ist, später vor den gleichen Grundfragen stehen wie Ali, Kais, Alban und Ertan. Er wird sich ebenso integrieren müssen, in eine Gesellschaft, die die generelle Vielfalt anerkennen muß, ohne sich selbst in Frage zu stellen. So reift vielleicht sogar der Betrachter ein Stück mit allen gemeinsam, wenn auch nicht äußerlich. 1970-01-01 01:00
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