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Was ihr wollt

Twelfth Night: Or What You Will. GB/USA 1996. R,B: Trevor Nunn. K: Clive Tickner. S: Peter Boyle. M: Shaun Davey. D: Helena Bonham Carter, Richard E. Grant, Nigel Hawthorne, Ben Kingsley, Mel Smith u.a.
134 Min. Concorde – Castle Rock / Turner ab 3.4.97
Von Benjamin Heßler And another one: Der Barde muß ran. Der Shakespeare-Hagel, der seit Henry V. über uns hereinbricht, gelangt 1997 an seinen vorläufigen Höhepunkt: gleich vier Adaptionen im Rennen. Vom halbdokumentarischen Bildungsbilderbuch (Looking for Richard) über die schick modernisierte Pistolenfassung (Romeo und Julia) ist bis zum vierstündigen 70mm-Schinken (Hamlet) alles dabei. Am vierten – und sicher uninteressantesten – Teilnehmer, Trevor Nunns lauer Verwechslungskomödie Was ihr wollt, ist das einzig wirklich bemerkenswerte, daß weit und breit weder der nicht wegzudenkende Kenneth Branagh noch die unvermeidliche Emma Thompson zu sehen sind.

Viola (Imogen Stubbs) strandet nach einem Schiffbruch, der ihrer – überraschenderweise – irrigen Ansicht nach auch ihren Zwillingsbruder Sebastian (Steven Mackintosh) hingerafft hat, in Illyrien. Dort verkleidet sie sich unverzüglich als Mann (ein unter Shakespeares Heldinnen epidemisch auftretender psychischer Defekt) und tritt in die Dienste des Grafen Orsino (Toby Stephens) ein, um in seinem Auftrag die schöne Olivia (Helena Bonham Carter – endlich wieder im viktorianischen Outfit) zu umwerben, die sich natürlich sofort in sie/ihn verliebt. Sie hingegen ist ihrem Auftraggeber verfallen, was der Zuschauer nur unter Schmerzen hinnimmt, denn Toby Stephens liebt den braven Orsino als einen brillantinegetränkten Clark-Gable-Verschnitt. Unnötig zu erwähnen, daß Sebastian nach unzähligen Verstrickungen wieder auftaucht, alle den/die Richtige(n) finden und am Schluß eine rauschende Party feiern.

Nunn, von Haus aus Theaterregisseur, hat sich ein Illyrien ausgedacht, »das einen rationalen Bezugspunkt bietet und der Poesie dennoch Raum läßt«, so das Presseheft. Mit anderen Worten: Alle Einwohner benehmen sich wie Schmierenkomödianten und leiden unter der geheimnisvollen Unfähigkeit, eine Frau, die sich einen Schnurrbart angeklebt hat, als solche zu erkennen. Die Verfremdung ins Phantastische ist zu schwach, um derlei plausibel erscheinen zu lassen; deshalb wirkt sie nur albern.

Eine Leinwandadaption hat nur dann Sinn, wenn sie auch im eigenen Medium funktioniert, siehe Viel Lärm um nichts und seine sonnendurchfluteten Breitwandwirbeleien oder Prosperos Bücher mit seiner halluzinogenen Ästhetik. Was ihr wollt hat nichts von alledem, lediglich einen sehr witzigen Nigel Hawthorne, der den Film allerdings nicht über 133 Minuten hinwegrettet. 1970-01-01 01:00

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #06.
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