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War Photographer

CH 2001. R,S,P: Christian Frei. K: Peter Indergand.
96 Min. Kool Film ab 11.7.02
Von Mark Stöhr Er ist ein Gentleman des Infernos: James Nachtwey, einer der zur Zeit einflußreichsten und meistpublizierten Kriegsfotographen der Welt. Sein akkurat gezogener Scheitel verliert selten den Halt, sein frisch gestärktes Hemd selten die Bügelfalten, wenn er in Ramallah den Tränengasgranaten der Israelis ausweicht oder in den giftigen Dämpfen der Schwefelminen von Kawah Ijen in Indonesien verschwindet.

Seine Gesichtszüge bleiben unbewegt, wenn er am Rand verwester Leichenberge im Kosovo steht oder Menschen beobachtet, die in den Slums von Jakarta zwischen Zuggleisen wohnen. Nie verstößt er gegen die Etikette ausgesuchter Höflichkeit, wenn er mit seiner Kamera Mütter umkreist, die den Verlust ihrer Söhne beweinen, oder Väter, die in schockstarrer Haltung aus den Überresten verschmorter Gebeine ihre Angehörigen identifizieren müssen. Und doch ist Nachtwey im Ausloten existentieller Limits und in seinem unbedingten Stilwillen radikal wie kein anderer. Er bewegt sich unentwegt im Epizentrum der Katastrophen und schickt aus dem Chaos präzise kadrierte und bis in die feinsten Lichtkontraste stilisierte Bildgemälde. Ein bis aufs Gerippe ausgehungerter Sudanese wird zur skulpturalen Strichfigur eines Giacometti, ein einsamer Feuerwehrmann, der verzweifelt auf die Trümmerhaufen von Ground Zero starrt, erscheint in der heroischen Inszenierung eines Delacroix. Wenn es eine Ästhetik des Krieges gibt, gehört Nachtwey zu ihren vordersten Formalisten. Er nennt sich selbst seit einiger Zeit einen »Antikriegsfotographen« – doch ist das suggestive Design seiner Bilder ohne weiteres hinnehmbar, auch wenn es das Elend darüber in die Fotostrecken der großen Nachrichtenmagazine schafft und das Entsetzen der Weltöffentlichkeit provoziert? Wann wird Information zur Komposition, wann Politik zur Verhandlungssache von Medienmachern und Galeristen?

Den Schweizer Filmemacher Christian Frei interessieren solche Fragen in War Photographer nicht. Er verbeugt sich vor Nachtwey und seiner Arbeit. Über zwei Jahre lang folgte er ihm mit seinem Kameramann Peter Indergand in den Kosovo, nach Palästina und Indonesien. Eine spezielle Mikrokamera wurde entwickelt und an Nachtweys Fotoapparat befestigt, um ihn auch noch in solchen Situationen zu beobachten, die für die Crew zu gefährlich gewesen wären – eine High-Tech-Farce, die den Thrill des unsichtbaren Bildes feiert und das Dokumentarische in Bereiche treibt, wo es sich gleichsam wieder fiktionaler Muster bedient. Doch genau das ist Freis filmisches Konzept: Drama und Moral. Der Held darf nicht sterben, und er hat immer recht. Wir werden zu Zeugen einer Mission, die das eigene Leben nicht schont und das anderer retten hilft. Nachtwey selbst, zurückhaltend und schüchtern, würde in seinem Selbstverständnis nie so weit gehen, doch der Film macht ihn zum Indiana Jones des Weltgewissens. Die »Arbeitgeber« des Kriegsreporters, die vielen Opfer von Krieg und Armut, bleiben da namenlose Statisten, nicht lebendiger als die visuellen Zeichen, als die sie uns von den Medien tagtäglich aufbereitet werden. Für Nachtwey mag das Elend der Welt eine wirkliche Motivation seiner Arbeit sein, Frei interessiert nur die Visualisierung der Visualisierung dieses Elends, und das ist unmoralisch. Möge sein Sekt bei der nächsten Vernissage schal werden. 1970-01-01 01:00

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