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Thomas Harlan – Wandersplitter

D 2006. R,K: Christoph Hübner. S: Gabriele Voss. P: Christoph Hübner Filmproduktion. D: Thomas Harlan.
96 Min. RealFiction ab 29.8.07

Der Fachmann des Schrecklichen

Von Franziska Heller Thomas Harlan steht am Bett seines sterbenden Vaters. Für Regisseur Christoph Hübner ist dies das Initialbild, einen Film über einen Sohn zu machen, der von sich selbst sagt, »Vatermord« begangen zu haben. Es ist dieser Vater und der Name »Harlan«, die das besondere Appeal dieses Films begründen: Thomas Harlan ist nicht nur Autor, Rechercheur und Regisseur, sondern zudem auch der Sohn des Filmregisseurs Veit Harlan, der für die Nazis Filme wie Jud Süß machte. Über diesen den Judenhaß schürenden Film weiß Thomas Harlan zu berichten, daß die Wärter in Auschwitz keinen Urlaub erhielten, wenn sie nicht nachweisen konnten, den Film gesehen zu haben. Filmische Bilder, die in der Realität zu Mordwerkzeugen werden.

Christoph Hübners Film verweigert sich aber im folgenden der visuellen Illustration und verläßt sich ganz auf die Kraft der poetischen Sprachbilder und die Ausdruckskraft des erzählenden Thomas Harlan. Das Bild, das er von der Welt und seinem Leben, ja gar von seiner Identität zeichnet, ist ein durch und durch zersplittertes. Für den ahnungslosen Zuschauer verdichtet eine anfangs eingeblendete Schrifttafel das Leben und seine Widersprüche: 1929 geboren, hat Thomas Harlan schon als Kind zusammen mit Hitler beim Essen an einem Tisch gesessen. Nach dem Krieg wurde er ein glühender Verfolger von Naziverbrechen. Er belieferte die Justiz mit Beweismaterial. Dann brach er Ende der 1960er Jahre diese Tätigkeit ab. Nun lebt er im Süden Deutschlands in einer Lungenklinik. Dort, in einem kleinen Klinikzimmer, umgeben von Einheitsmöbeln und Linoleumböden, finden auch die Gespräche zwischen Regisseur und seinem Protagonisten statt. Thomas Harlan wird als eine ganz eigene Persönlichkeit gezeigt. Auf Hübners Versuche der Gesprächsführung reagiert er äußerst eigensinnig und sprunghaft. Der Film spart diese Momente nicht aus, sondern, und dies ist ebenso interessant wie amüsant, nimmt sie ganz natürlich mit auf: Der Rahmen des Gesprächs als mediale Dokumentation, als Anordnung, wird vor den einzelnen Episoden gezeigt – etwa wenn Harlan Vorschläge zur Positionierung und Einstellung der Kamera macht oder sich um den Ton sorgt. Auch stellt Harlan ganz grundsätzlich das Anliegen in Frage, einen Film über ihn unter biographischen Aspekten zu machen. Denn dies sei gar nicht möglich: Sein Leben sei immer nur von Zufällen und Überraschungen geprägt gewesen. Er hätte nie gemacht, was er eigentlich vorhatte, sondern die Dinge seien wie Unfälle geschehen. Diese Zersplitterung einer Lebens- und Sinnfolge stellt Hübner bewußt an den Anfang und erklärt damit nicht nur das Konzept des Films, sondern kommentiert auch die besondere Erzählweise seines charismatischen Protagonisten. Der Film versucht kein einheitliches Bild eines Menschen zu schaffen, sondern läßt dessen anschauliche Erzählungen, die intensiven Detailbeobachtungen und geschichtlichen Erfahrungen nebeneinander stehen. Der Zuschauer wandert vermeintlich richtungslos durch die Erinnerungen Thomas Harlans. Mit ihm als Talking Head verläßt sich der Film fast ausschließlich auf dessen Präsenz und Performanz eines Erzählenden. Tatsächlich haben Thomas Harlans sprachlichen Bilder eine Strahlkraft, die einprägsamer kaum sein könnte.

Die Dramaturgie des Films verlangt Aufmerksamkeit. Denn anstatt mit dem öffentlich bekanntesten Problemkomplex um den Vater in Thomas Harlans Leben einzusteigen, setzt Hübner an den Anfang des Films das Kapitel, in dem Thomas Harlan eine »Geschichte ohne Ich« erzählt. Der Film beginnt also mit der Negierung der Erzähleridentität. Dies ist umso paradoxer, da es ja eben die Identität von Thomas Harlan – in seiner unabänderlichen Rolle als Sohn – nach außen hin ist, die ihn in erster Linie interessant erscheinen läßt. Langsam tastet sich der Film dann über Erlebnisse mit Hitler und dem Kriegsende hin zum metaphorischen Vatermord, wie Harlan es selbst nennt, den »Parrizid« an dem heißgeliebten Vater.

Harlan zeigt sich auch zutiefst geprägt von seiner Recherchearbeit als »Fachmann des Schrecklichen« im Nachkriegsdeutschland sowie durch die Erfahrung mit der Kontinuität von Amtsträgern in Politik und Justiz aus dem Dritten Reich. Er wurde gar des Landesverrats bezichtigt, und ihm wurde der deutsche Paß entzogen. All dies läßt Harlan ungewöhnliche Ansichten über Verantwortung, Wahrheit und Strafe äußern. Hierbei spielt immer wieder auch das Aussprechen von Verbrechen, das Eingestehen von persönlicher Verantwortung eine große Rolle. Thomas Harlans Schilderungen sind zugleich eindringlich in der Form und im Inhalt erschreckend. Seine Sichtweisen der Dinge sind oft überraschend. Hübner paart Harlans sprachliche Bildkaskaden mit einem wiederholten Innehalten. Immer wieder werden verschiedene Ansichten des die Klinik umgebenden Berglandes als Einladungen zur Kontemplation eingefügt.

Wenn man diesen Film sehen will, muß man sich bewußt dafür entscheiden. Denn die zersplitternde Weltsicht, und auch die Erzählweise Harlans erfordern eine lange Konzentration – und die Akzeptanz von Lücken, da nicht immer alles in dem Gespräch unmittelbar verständlich ist. Ein Abschweifen in filmische Bilder wird einem verweigert. Stattdessen muß die Konzentration über anderthalb Stunden auf Bilder der Vorstellung und Erinnerung gerichtet werden. Es wird zuweilen anstrengend, dem wandernden Geist und Blick des Protagonisten zu folgen. Wer sich als Zuschauer darauf einläßt, dem vermitteln sich Eindrücke eines bewegten Lebens voller Widersprüche und einer ungemein intensiven Suche nach Orientierung angesichts einer Biographie, die nicht nur an einer individuellen geschichtlichen Erblast trägt. 1970-01-01 01:00
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