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Das wandelnde Schloß

Hauro no ugoku shiro. J 2004. R,B: Hayao Miyazaki. K: Atsushi Okui. S: Takeshi Seyama. M: Joe Hisaishi. P: Studio Ghibli.
120 Min. Universum ab 25.8.05

Eine neue Heidi

Von Melanie Balz Heidi heißt jetzt Sophie. Der japanische Anime-Meister, der vor rund 30 Jahren Continuity und Layout für die Heidi-Serie machte, hat nun nach Chihiros Reise ins Zauberland ein weiteres humoriges und phantastisches Zeichentrickmärchen im Mangastil geschaffen.

Die 18jährige Sophie ist ein unsicheres, bescheidenes Mädchen, das als Hutmacherin im Geschäft ihres verstorbenen Vaters arbeitet. Bei einem der seltenen Ausflüge in die Stadt trifft sie auf den gutaussehenden Zauberer Hauro, der sie vor aufdringlichen Soldaten in Schutz nimmt. Sie verliebt sich in ihn und wird dafür von einer eifersüchtigen Hexe verhext; fortan muß sie sich im Körper einer 90jährigen zurechtfinden. Heimlich und unerkannt verläßt sie die Stadt, um den Zauberer zu finden und sich von dem Bann zu befreien. Nach einem langen und beschwerlichen Weg findet sie dessen eigentümliches Schloß auf Beinen, in dem Hauro mit seinem kleinen Helfer »Makel« lebt und schleust sich dort als Putzfrau ein. Nach und nach gewinnt sie das Vertrauen des selbstverliebten Zauberers.

Mit Liebe sind die Figuren kreiert; die Landschaften sind detailreich gestaltet, wobei sie durchaus den Duktus der klischeeverschleierten Version Europas aus japanischer Sicht – hohe Berge, dunkle Tannen, saftig grüne Blumenwiesen, glasklare Seen – enthalten. Nicht ganz klar ist, wo und wann das Szenario spielt. Die Autos lassen Rückschlüsse auf den Anfang des 20. Jahrhunderts ziehen; andererseits existieren dann aber Gefährte, die eher in der Zukunft anzusiedeln sind.

Zudem fällt es manchmal schwer, den verschiedenen aufgezeigten Handlungssträngen zu folgen. Da gibt es eine Art Dimensionstür in Hauros Schloß, die Zutritt zu vier unterschiedlichen Orten gewährt, welche ebenfalls zum Teil realistisch, zum Teil eher phantastisch und futuristisch anmuten. Genau zwischen diesen Orten, die sich zumindest in zwei unterschiedlichen, miteinander Krieg führenden Welten befinden, sind die Verknüpfungen untereinander nicht immer klar gezeichnet. Ein bißchen verwirrend ist es auch, wenn Sophie – meist eine alte Frau – bei bestimmten Gefühlsregungen (Mut) plötzlich wieder die junge Frau wird, die sie eigentlich ist. Der Eindruck entsteht, daß sich die Vorlage der englischen Autorin Diana Wynne Jones, »Howl's Moving Castle«, möglicherweise als zu phantasie- und ideengeschwängert dargestellt hat und so einige Szenen dieser Flut zum Opfer gefallen sind.

Ganz eindeutig kommt hingegen die japanische Sicht der klischeeverschleierten Europaversion der gezeichneten Landschaften durch. Final ist die Geschichte dann noch mit einer oberflächlichen Allerweltsmoral versehen – Liebe versetzt Berge und kann sogar Kriege beenden – was man sonst eher aus den Disney-Produktionen kennt und für die Myazaki nicht unbedingt bekannt ist; denn durch ihre Liebe schafft es Sophie zuletzt nicht nur, sich von dem Fluch der Hexe zu befreien, sondern auch die Welt vor einer vollständigen Zerstörung zu bewahren. 1970-01-01 01:00
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