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Der Wald vor lauter Bäumen

D 2003. R,B: Maren Ade. K: Nikolai von Graevenitz. S: Heike Parplies. M: Ina Siefert, Nellis Du Biel. P: Komplizen, Rat Pack u.a. D: Eva Löbau, Daniela Holtz u.a.
81 Min. timebandits ab 27.1.05

Reifeprüfung

Von Sascha Seiler Es gibt ja oft Szenen in Filmen, bei denen man vor Peinlichkeit nicht mehr hinschauen kann. Wenn die Protagonisten etwa unwissend in ihr Unglück rennen, der Zuschauer mehr weiß als die Helden auf der Leinwand, der die Liebesintrige nicht durchschaut – man kennt das. Der Wald vor lauter Bäumen aber ist eine einzige 90minütige Peinlichkeitsarie.

Der Zuschauer verfolgt eine junge Lehrerin vom schwäbischen Lande, die nach dem Referendariat in ihrem Heimatdorf »frischen Wind« in eine verknöcherte Karlsruher Realschule bringen will. Alleine das Erscheinungsbild der gerade mal 27jährigen Junglehrerin läßt schnell an diesem Vorhaben zweifeln: starker schwäbischer Akzent, Klamotten wie aus den 50er Jahren und ein unerschütterlicher Glaube an das Gute ihrer Lehrermission; ein Glaube, den die Schüler selbstverständlich nicht so recht teilen wollen. Das Kollegium schneidet sie, weil es ihre Hilflosigkeit lästernd zur Kenntnis nimmt, sich aber nicht gezwungen sieht, ihr zu helfen. Ausnahme: Thorsten (Thorschten), Mathelehrer mit Hang zur Dritte Welt-Projektgruppe, ein »Du, laß uns mal da drüber reden, ja?«-Typ mit dem dazugehörigen Pullovergeschmack – ein Geschmack, der bei Lehrern scheinbar genetisch bedingt ist, denn jeder hatte wohl mindestens zwanzig Exemplare davon auf seiner Schule herumlaufen, während man sie in der freien Wildbahn so gut wie nie antrifft.

Aber Melanie zeigt sich resistent, sowohl gegenüber dem nicht vorhandenen Respekt der Schüler, Thorschtens Anbaggerungsversuchen (immerhin ist ihre Jugendliebe zu einem Fliesenlegertyp aus dem Heimatdorf aufgrund des Umzugs gerade zu Ende gegangen) und den zunehmenden Lästereien des Kollegiums. Am schlimmsten wirkt auf den Zuschauer allerdings Melanies Art, neue Freunde zu gewinnen. So schmeißt sie sich Stalker-mäßig an ihre Nachbarin Tina ran, eine Boutique-Besitzerin, die augenscheinlich in einer anderen Welt lebt. Gerade die Szenen, wenn sie versucht, die Freundschaft der Modetussi Tina zu gewinnen und ihre ganze schwäbische Spießigkeit in die Waagschale wirft, verursachen beim Zuschauer zunehmende Übelkeit. Zum Glück werden die Szenen immer auf ihrem peinlichen Höhepunkt ausgeblendet, allerdings nur um die nächste Episode der Lebensodyssee der Junglehrerin einzuleiten.

Man fragt sich den gesamten Verlauf des Filmes über: Ist dies nun eine Komödie oder ein ernsthaftes, tristes Sozialdrama? Nimmt die Regisseurin Maren Ade ihre Figur ernst oder gibt sie diese der Lächerlichkeit preis? Das Meisterhafte dieses knallharten dokumentarischen Realismus' ist der Balanceakt auf dem schmalen Grat zwischen Lächerlichkeit, Mitleid und blankem Entsetzen, mit welchem der Zuschauer den Leidensweg von Melanie begleitet. Und die verschiedenartigen Fragestellungen, die er aufwirft: Ist Melanie ein Produkt ihrer Umwelt – die Kleinbürgerlichkeit deutscher Dörfer, eine ebensolche Erziehung, der darauf folgende Schock, in die »Großstadt« zu ziehen, die Schüler von heute usw. – oder ist ihre Unfähigkeit, sich der Welt zu stellen, von vornherein psychisch bedingt gewesen? Es ist interessant, daß man nichts Negatives über ihr bisheriges Leben erfährt: nettes, fürsorgliches Elternhaus, lange Beziehung mit der Jugendliebe, scheinbar erfolgreiches Studium und am wichtigsten: ein Refendariat, das erst die richtige Begeisterung für den Lehrerberuf geweckt hat. Und dann dieser Einbruch in der Weltmetropole Karlsruhe, der bis zum »tragischen Ende« des Films führt, in dem sprichwörtlich der Wald vor lauter Bäumen nicht mehr gesehen wird?

Der Wald vor lauter Bäumen ist ein packendes, schmerzhaft realistisches und vor allem hervorragend ausgestattetes Sozialdrama, das aber auch den schnellen Lacher nicht verwehrt. Am meisten freilich erstaunt die Hauptdarstellerin, Eva Loebau. Entweder, was nicht zu hoffen ist, sie spielt sich selbst, oder man sollte schleunigst eine Empfehlung an die Academy abgeben, bevor die Nominierungen rausgehen. 1970-01-01 01:00

Abdruck

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