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Wahre Lügen

Where the Truth Lies. CDN/GB 2005. R,B: Atom Egoyan. K: Paul Sarossy. S: Susan Shipton. M: Mychael Danna. P: Robert Lantos. D: Kevin Bacon, Colin Firth, Alison Lohman, Sonja Bennett u.a.
108 Min. Concorde ab 2.2.06

Fragmente der Wahrheit

Von Franziska Nössig Der Mythos vom Mythos ist der, daß Mythen »einfach so« auftauchen. Wolfdietrich Schnurre hat zum Beispiel festgestellt: »Mythen entstehen. Sagen wurden gelebt. Märchen werden gemacht.« Ganz plötzlich sind Mythen also Teil öffentlicher Diskussionen, und woher sie kommen, ist unklar und lange Zeit auch zweitrangig. Aber trifft nicht jene Aussage über Märchen auch auf den Mythos zu? Macht, das heißt kreiert sich nicht der Mensch seine eigenen Mythen? Wir klauben Informationsschnipsel von Personen oder Begebenheiten zusammen und ordnen ihnen eigene Hoffnungen und Träume zu. Wir fügen Details hinzu oder entfernen sie, um einer verschwommenen, irrationalen Version der Wahrheit gerecht zu werden. Nicht aus dem Blauen heraus entsteht also ein Mythos, sondern aufgrund unserer Beteiligung.

Für die Ereignisse in Wahre Lügen ist ein solcher Mythos der Ausgangspunkt, und er hat sich seit Mitte der 50er Jahre ohne Probleme gehalten. Doch 1970 beginnt eine junge Journalistin an der 15 Jahre alten Patina zu kratzen. Karen O'Connor will ein Buch über das Leben von Vince Collins schreiben, die eine Hälfte eines beliebten Show-Duos der 50er Jahre. Die Karriere von Vince und seinem Partner Lanny Morris endete damals abrupt, als in ihrer Hotelsuite eine nackte Frau in der Badewanne tot aufgefunden wurde. Da beide Männer ein Alibi haben, kommt der Fall zu den Akten und wird nie wirklich aufgeklärt. Dieser Aufgabe stellt sich nun Karen mit ihrem Buch, doch bei den Recherchen wird deutlich, daß die Wahrheit nicht leicht zu finden ist.

Für Regisseur Atom Egoyan ist diese Suche nach der Wahrheit ein Spiel mit den Erwartungen seiner Protagonistin und des Zuschauers. Denn während beide auf ein Detail konzentriert sind, eröffnet sich eine neue Sichtweise, die alle bisherigen Ergebnisse in Frage stellt. Treuherzig folgt der Zuschauer den Entdeckungen der Journalistin sowie den Hinweisen, die ihr zugespielt werden. Doch die falschen Fährten und Teilwahrheiten werden immer zahlreicher, die Verwirrung größer. Die Handlung springt häufig zwischen den 70er und 50er Jahren und bleibt selbst in einer Epoche nicht unbedingt chronologisch. Unterschiedliche Erzähler geben ihre Sichtweise auf die Dinge wieder und die Voice Over der Protagonisten stehen teilweise im Gegensatz zum Gezeigten. Außerdem gibt es jede Menge Flashbacks, und ständig wechselt die Perspektive. Egoyan fordert den Zuschauer heraus, sich auf diese Verschachtelung einzulassen und selbst Detektiv zu spielen. Das ist zwar anstrengend, wirkt aber weder stilistisch noch inhaltlich übertrieben.

Wahre Lügen basiert auf dem Kriminalroman von Rupert Holmes. Auf der Leinwand entsteht unter Egoyans Regie ein Film, der sich in Lichtsetzung, in der Kombination aus Detektiv- und Kriminalgeschichte und in der Rolle Karens als einer abgemilderten Version der Femme fatale dem Film noir nähert. Und, einmal beim Genre angelangt, läßt sich gleichzeitig festhalten, daß der Film auch postmoderne Züge trägt. Zum einen eben in seiner verschachtelten, nicht-linearen Struktur. Zum anderen in seiner Position zur Wahrheitsfindung. In einer Welt, in der das Zentrum verloren ging und plötzlich viele Zentren gleichzeitig existieren, gibt es auch viele fragmentierte Wahrheiten, das heißt, es gibt nicht mehr die eine, universelle Wahrheit, die von allen akzeptiert wird. Karen sucht jedoch auf jenen Skandal im Hotelzimmer diese allein gültige Antwort – und tappt damit lange Zeit im Dunkeln. Die beiden Ex-Entertainer sind ihr bei ihren Recherchen keine große Hilfe, sind sie doch bestrebt, ihre Version der Wahrheit – oder ist es die Wahrheit? – für sich zu behalten.

Colin Firth und Kevin Bacon verkörpern ihre Rollen eindrucksvoll. Sowohl als witzelnde, hochdotierte Spaßmacher in den 50er Jahren als auch 15 Jahre später als abgelebte, alternde Frührentner des Showbusiness. Kevin Bacon überrascht als flapsiger Klassenclown Lanny Morris, Colin Firth spielt als Contenance bewahrender Brite Vince Collins fast so, wie wir ihn ohnehin kennen. Doch gleichzeitig gelingt beiden Schauspielern der Wechsel, und sie zeigen ihre Charaktere als gebrochene, unglückliche, letztendlich tragische Figuren.

Intensiv durchleuchtet Wahre Lügen Mythen unterschiedlichster Art: das Showbusiness mit seiner Diskrepanz zwischen Schein und Sein, die Epochen der 50er und 70er Jahre, die Wahrheit als solche. Und natürlich den Mythos um die beiden Entertainer – ist das gut gehütete Geheimnis einmal gelüftet, geht der Mythos verloren 1970-01-01 01:00

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