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Wahnsinnig verliebt

À la folie ... pas du tout. F 2002. R,B: Laetitia Colombani. B: Caroline Thivel. K: Pierre Aim. S: Veronique Parnet. M: Jerome Coullet. P: Téléma, TF 1 Films. D: Audrey Tautou, Samuel Le Bihan, Isabelle Carré, Sophie Guillemin, Clément Sibony u.a.
92 Min. Prokino ab 29.8.02
Von Dietrich Brüggemann Man möchte es Audrey Tautou so sehr wünschen, daß sie mit Amélie nicht gleich auch die Rolle ihres Lebens gespielt hat – trotzdem bleibt jene irrationale Enttäuschung, die einen befällt, wenn man einen Schauspieler in einem grandiosen Film liebgewonnen hat und ihn jetzt durch einen nicht im selben Maße außergewöhnlichen Film begleiten muß.

Dabei ist Wahnsinnig verliebt keinesfalls schlecht. Die Story der Kunststudentin Angelique, die sich in eine Liebesbeziehung zu dem verheirateten Arzt Loïc krankhaft hineinsteigert, glänzt vor allem in der zweiten Hälfte durch eine Menge unerwarteter Wendungen und raffinierter Enthüllungen. Autorin und Erstlingsregisseurin Laetitia Colombani teilt den Film in zwei Hälften und erzählt dieselbe Geschichte nacheinander aus zwei Perspektiven, das reicht vor allem im zweiten Teil für allerhand Überraschungen. Die erste Hälfte wirkt dafür insgesamt etwas zerfahren und stellenweise zusammenhangslos.

Bewundernswert ist jedoch vor allem, wie Audrey Tautou sich von ihrem Amélie-Image freizuspielen versteht und eine ganz anders angelegte Figur glaubwürdig macht. Die schöne Wahnsinnige nimmt man ihr jederzeit ab, und es ist ihre Präsenz, die den Film in den ersten vierzig Minuten zusammenhält. Danach wechselt die Perspektive zu Loïc, dem Arzt, der nicht weiß, wie ihm geschieht, und obwohl die Aha-Erlebnisse fürs Publikum jetzt erst beginnen, droht der Film, als wir die Hauptfigur für eine Weile aus den Augen verlieren, öfter mal ins Belanglose abzugleiten.

Formal zeigt sich Wahnsinnig verliebt nur selten als eindeutiger Kinofilm, Licht und Kamera erinnern mehr an ein hochwertiges Fernsehspiel, auch die Musik ist eher ärgerlich. Gravierender, ja, zentral ist ein anderes Problem: An keiner Stelle wird dem Zuschauer nahegebracht, was denn Angelique eigentlich zu ihrem Liebeswahn geführt hat. Die Tatsache wird vorausgesetzt, ist aber nicht nachvollziehbar. Ein Film, der furios sein könnte, der im richtigen Tempo inszeniert ist, bleibt auf diese Weise interessant, aber eben nicht so fesselnd, wie das Thema es eigentlich hergeben würde. 1970-01-01 01:00

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Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #27.
© 2012, Schnitt Online

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