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Wahlverwandtschaften

Le Affinitá elettive. I 1996. R,B: Paolo Taviani, Vittorio Taviani. K: Giuseppe Lanci. S: Roberto Perpignani. M: Nicola Piovani. D: Isabelle Huppert, Fabrizio Bentivoglio, Jean-Hugues Anglade, Marie Gillain, Massimo Popolizio, Laura Marinoni u.a.
105 Min. Filmwelt-Prokino ab 23.1.97

Farbenfroh

Von Daniel Hermsdorf Taucher heben die Skulptur eines Frauenakts. Eben noch zur Wasseroberfläche schwebend, finden wir sie unversehens auf einem Sockel. In dieser Vergangenheit, so haben wir beim Tauchen danach gelernt, spielt die Geschichte. Fundort ist Italien, und so wird aus Goethes Charlotte Carlotta (Isabelle Huppert), aus ihrem Mann Eduard Edoardo (Jean-Hugues Anglade).

Wie alle Regisseure, die das Schlöndorff-Syndrom ereilt, stellen auch die Brüder Taviani ihre Zuschauer zuallererst vor die Qual, sich für ihren Film oder den längst lorbeerbekränzten Wälzer zu entscheiden, der den Machern für gewöhnlich die Mühen erspart, beim Verfassen eines Drehbuchs ernsthaft kreativ zu werden.

Die Wahlverwandtschaften der Tavianis verknappen entschieden die Vorlage des Schriftstellerdenkmals: Eine Tochter und ein vermittelnder Freund des Hauses verschwinden vollkommen aus dem Personal, und Ottone (Fabrizio Bentivoglio), in den sich Carlotta verliebt, faßt in sich zwei Figuren des Romans, Hauptmann und Architekt, zusammen. Auch eine Thematik wie die Geometrisierung der Natur durch Gartenbau und Architektur dünnt laufzeitbedingt zu kurzen Szenen aus, in denen eine Landschaft, durch einen Theodoliten betrachtet, kopfsteht.

Während die Filmfiguren hier und da mit den Fingerkuppen über die verplante Vegetation einer Landkarte streichen, bestrickt der Goethe-Text durch engmaschige Subtilitäten. Ottilie – im Film: Ottilia: »So wiederholt sich denn abermals das Jahresmärchen von vorn. Wir sind nun wieder, Gott sei Dank! an seinem artigsten Kapitel. Veilchen und Maiblume sind sie die Überschriften oder Vignetten dazu.« So wirkt der Film zuweilen wie eine stenographierte Version des Romans, und in ihrer Reduktion müssen die Tavianis auch auf die Aussagekraft der Bilder vertrauen, wo eben jene das, was zu sagen wäre, dem Zuschauer nicht vermitteln. »Man kann der Gesellschaft alles aufdringen, nur nicht, was eine Folge hat«, schreibt Ottilie in ihr Tagebuch. Und: »Wir sind nie entfernter von unseren Wünschen, als wenn wir uns einbilden, das Gewünschte zu besitzen.«

Als Edoardo Ottilia in einer Pension von ihrem Weggang abbringt, scheint er in Tavianis Version zunächst nur einen Brief hinterlassen zu wollen; im Roman zeigt sein Plan, sich dort einzuquartieren, seine unbedingte Entschlossenheit, Ottilie für sich zu gewinnen: Es bedarf hin und wieder des Romans, um den Film zu erklären. Die Entschlüsse Edoardos, auf das napoleonische Schlachtfeld auszurücken, um sein artilleristisches Schicksal herauszufordern, und Ottilias, sich zu Tode zu hungern, können sich kaum mehr einer einfühlungsästhetischen Rezeptionshaltung gewiß sein und wirken als isolierte Handlungen im Film eindimensional und befremdlich. Dabei geraten kurze Einstellungen von dem auf dem verschneiten Schlachtfeld blutenden Edoardo inhaltlich zum Beispiel des Mangels an Zusammenhalt, formal aber zum Nachweis einer gewiß schwelgenden, aber eindrücklichen Bilderkunst.

Den Ausbruch aus der vorgegebenen Ordnung haben andere Figuren der Tavianis schon deutlicher vorgelebt, wie etwa Gavino Ledda in Padre Padrone (1977), der seine bäuerliche Herkunft hinter sich läßt. (Auch hier zu Beginn – und nur hier am Ende – findet sich ein die Filmhandlung fiktionalisierender Pro- bzw. Epilog, der anfänglichen Tauchersequenz in den Wahlverwandtschaften verwandt, der die Handlung zum lehrstückhaften Modell macht.)

Die unmögliche Realisierung eines idealen Konzepts – in Goethes Wahlverwandtschaften die absurde Gefühlsgeodäsie der Eheinstitution, deren Optik vor den seelischen Kluften kapituliert, wie auch die humanistischen Wissensdisziplinen, denen das Wesen der Natur zuwiderläuft – waren in Il Prato (1979) explizit mit einer gesellschaftlichen Utopie verknüpft, das Scheitern der Hauptfigur, seine unterlassene Selbsthilfe nach dem Biß eines tollwütigen Hundes, ein kraftvolles Bild seiner Kapitulation. Derlei Vorgänge bleiben in Wahlverwandtschaften undeutlich, weil die Vorlage sie abstrakt faßt, wo ein Film zum Bild kommen müßte.

Dort, wo der Film die Worte nicht vermeiden kann, tönen tendenziell märchenonkelige Romanpassagen aus dem Off, die – von Giancarlo Giannini gelesen – in der Originalfassung erquicklicher sein mögen. Die Auswahl der Kommentare – nicht durchgehend dem Roman entnommen – hätte glücklicher ausfallen können, und wenn das Off über die unklare Abkunft eines Babys räsonniert und mit der Frage endet: »Oder ist es ein Monstrum?«, schickt der aufgeklärte Cineatheist Stoßgebete aus, in der nächsten Einstellung möge doch bitte Schlingensiefs Jesus Peter Panne aus den Rüschen der Wiege epiphanieren. Immerhin ertrinkt das Kind späterhin innerhalb von zwei Sekunden. (Ende eines halbherzigen Verrisses. Im folgenden: eine Art Ehrenrettung.)

Neben Isabelle Huppert, die unter all den Beschleiften und Perückenträgern feinste mimische Nuancen von sanfter Freude und durchscheinender Haut bis zu verheulten Klüsen und wächsernem Antlitz bewahrt, ist der eigentliche Hauptdarsteller in diesen Wahlverwandtschaften das Licht und das, was es aufscheinen läßt: die Farben. Die pointillistischen Waldgänge und pastellig-sinistren Interieurs lassen malerische Differenzen zum Literaturlexikon erwachsen.

Die sorgfältige Kostümierung spielt mit differenzierter Farbsymbolik, die in einer Lesung Carlottas über die Bedeutung von Blau und Gelb gipfelt. Das Gelb, so ihre Farbenlehre, sei das Licht; doch wenn sie im gleichfarbigen Gewand als betrogene Betrügerin Ottilia gegenübersitzt, ist es auch der Neid. Ottilia, von Carlottas Gatten Edoardo geliebt, trägt sattes Rot. Diese Zuordnung verfolgen die Tavianis bis hin zu den Weintrauben an Carlottas Platz und Ottilias Wassermelonenfleisch, das sie, sich selbst fremd, mit ihrer Gabel zerdrückt. Derartige Miniaturen sind auch die Überblendungen, die anfangs zu den ankommenden Personen oder später zu dem im Schnee blutenden Edoardo geleiten.

Beim Schürfen im Bilderfluß der Tavianis läßt sich manch blitzender Moment auswaschen, doch auch diese Verfilmung eines Romans bleibt nur ein Streufilter vor dessen Fokus. Mehr Licht! 1970-01-01 01:00

Abdruck

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