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Vom Westen unberührt

Un homme sans l'occident. F 2002. R,B,K: Raymond Depardon. B: Louis Gardel. S: Roger Ikhlef. M: Valentin Silvestroy. P: Palmeraie et Desert. D: Ali Hamit, Brahim Jiddi, Wodji Ouardougou, Hassan Yoskoi u.a.
104 Min. Pegasos ab 6.11.03

Stilisierung der Einfachheit

Von Jutta Klocke Wem dürfte man nun Glauben schenken bei dem Versuch, Raymond Depardons Vom Westen unberührt in eine filmische Kategorie einzuordnen? Den statischen Schwarzweiß-Bildern, die meist schon eher wie Fotographien anmuten dank ihrer dramaturgischen Eigenständigkeit und ästhetischen Komposition? Oder der ruhigen Stimme des Kommentators, die das Artifizielle der Bilder immer wieder durchbricht? Oder aber den Menschen selbst, die abgebildet werden in dieser meditativen Mischung aus Dokumentation und Narration? In ihren minimalistischen Bewegungen bleiben sie dem Zuschauer seltsam fremd, auch wenn uns der »Erzähler« zu Beginn lehrreiche Informationen über das karge Leben der Sahara-Nomaden und mitunter spärliche Übersetzungen der seltenen Dialoge liefert. Verstärkt wird diese Distanz durch die elliptische Montage der Bilder, die dem gänzlichen Eintauchen in die Geschichte entgegenwirkt.

Ausgangspunkt des Films ist die Begegnung zwischen dem Autor der frei adaptierten Romanvorlage, dem französischen Offizier Diego Brosset, und dem »vom Westen unberührten« Jäger Alifa zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Erzählt wird allerdings die Vorgeschichte dieses Aufeinandertreffens – Alifas Heranwachsen als ein Teil des Wüstenvolkes und gleichzeitig als Außenstehender, Rastloser, Suchender. In seiner Figur/Person verschmelzen die Gattungen des Dokumentarischen und des Fiktionalen. Die Off-Kommentare lassen das Informative bald hinter sich und fokussieren immer mehr die innere Verfassung des Protagonisten. Bild und sonstiger Ton bleiben von dieser Psychologisierung jedoch völlig unbeeindruckt. Nur zwei- oder dreimal durchbricht der Einsatz von Musik das Dröhnen des Windes; die Kamera bleibt so starr in ihrer Position, daß die Darsteller ihr zuweilen ausweichen müssen.

Die Frage nach der Wahrhaftigkeit von Handlung und Personen greift am Ende der Erzähler selbst wieder auf, indem er das Gesehene als eine Art szenische Nachstellung realer Ereignisse ausweist. Zugleich wird aber der homme sans l'occident – dem Dokumentarischen wie dem Fiktionalen gleichermaßen entrückt – in die Sphäre des Mythischen erhoben und läßt spätestens jetzt die Gattungsfrage hinfällig erscheinen. 1970-01-01 01:00

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #32.
© 2012, Schnitt Online

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