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Vom Suchen und Finden der Liebe

D 2004. R,B: Helmut Dietl. B: Patrick Süskind. K: Jürgen Jürges. S: Inez Regnier, Frank Müller. M: Dario Farina, Harold Faltermeyer. P: Diana Film, Fanes Film. D: Moritz Bleibtreu, Alexandra Maria Lara, Uwe Ochsenknecht, Anke Engelke u.a.
110 Min. Constantin ab 27.1.05

Sollte das lustig sein?

Von Dietrich Brüggemann Manchmal weiß man gar nicht, wie man so einem Text beginnen soll. Zumal, wenn es ein Verriß werden soll – da macht es doch Spaß, harmlos anzufangen und dann erst im zweiten Absatz die unerwartete Wendung zu bringen. Wer sich mit Dramaturgie oder auch nur mit der Erzeugung von Komik beschäftigt, stößt früher oder später auf zwei Worte, die das beschreiben: »Setup« und »Payoff«, die Vorbereitung und die Pointe.

Zu spät für solche Spiele, ich hab's schon im zweiten Satz verraten. Macht aber nichts. Helmut Dietl schert sich neuerdings auch einen Dreck um Setup und Payoff, deswegen tue ich es ihm hiermit gleich und verkünde gleich zu Anfang: Vom Suchen und Finden der Liebe ist ein grausam mißlungener Film – wobei das Wort »mißlungen« ja immer noch andeutet, daß das Werk anders gemeint war, als es geraten ist. Wenn wir aber davon ausgehen, daß Dietl den Film genauso machen wollte, wie er ist, was eigentlich anzunehmen ist, dann ist er nicht mißlungen, sondern einfach nur bodenlos schlecht.

Fangen wir vorne an. Der Komponist Mimi Nachtigall – Moment, meinen die das ernst, heißt der wirklich so? Ja, er heißt so, der Name wird weder erklärt noch irgendwie mit Bedeutung jenseits des Offensichtlichen aufgeladen noch im Lauf des Films hintenrum demontiert, der Kerl heißt einfach so, das ist nicht nur zum Gähnen doof, sondern auch sehr viel Setup und gar kein Payoff. Der jedenfalls trifft in Berlin eine junge Sängerin, verleiht ihr einen Namen, zum dem der Leser sich seine eigene Meinung bilden möge, nämlich »Venus Morgenstern«, und macht sie zum Star, sie lieben sich, trennen sich, er bringt sich vor lauter Trauer um, sie folgt ihm in die Unterwelt, um ihn da wieder rauszuholen, was aber an der bekannten Sache mit dem verbotenen Rückblick scheitert.

So weit ist es also eine moderne Fassung eines alten Stoffes. Das könnte ja ganz schön sein. Schlimm wird es durch die Ziellosigkeit, mit der der Film und mit ihm sämtliche Figuren umeinander und durch die Gegend eiern, durch geschwätzige, lebensferne Dialoge und die komplette Unfähigkeit, so etwas wie eine glaubwürdige Situation zu erschaffen.

Ein Beispiel gefällig?

Uwe Ochsenknecht spielt einen Professor, der eine Vorlesung hält. In den Reihen des Hörsaals sitzen ausschließlich junge Frauen, die ihn besinnungslos anschmachten. Man fragt sich: Warum tun sie das? Was wollen sie von diesem – Verzeihung – alten Sack? Keine Ahnung. Wird auch nicht erklärt. Ochsenknecht gibt das Thema des Tages bekannt: Leidenschaft. Sämtliche Damen im Saal gleiten aufseufzend in ihren Sitzen nach vorne und legen leidenschaftlich die Köpfe schief. Sämtliche anwesenden Kinozuschauer beißen stöhnend die Zähne zusammen und winden sich vor Peinlichkeit in ihren Sesseln. Sollte das lustig sein? War das am Ende der Setup für einen explosiven, entlarvenden Scherz? Nein, es war wohl schon die Pointe. Als nächstes kriegt Ochsenknecht einen Telefonanruf, der auch nicht lustig ist.

Ob er nun mit seiner Frau Termine für den ehelichen Verkehr abstimmt, ob Moritz Bleibtreu als Schlagerkomponist in selbstgefälligem Leiden versinkt, ob Alexandra Maria Lara in der weiblichen Hauptrolle meistens sehr traurig guckt und dabei so aussieht, daß man sich schon vorstellen kann, wie sie mit fünfzig mal so aussehen wird, als hätte sie früher wie Meryl Streep ausgesehen – die ganze Zeit kann man zugucken, wie erfundene Figuren selbstgefällig gedrechselten Text aufsagen, und sich dabei vorstellen, wie Helmut Dietl und Patrick Süskind sich über ihre eigenen Einfälle kaputtlachen, und keiner sich ihnen zu sagen traut, daß da noch etwas Arbeit zu machen ist. Nie endet irgend etwas in einer Überraschung, sondern immer nur beim nächstliegenden dummen Witz. Der Mann, der am Fenster im Nachbarhaus steht, liegt im nächsten Bild schon bei der Frau, die ihn gesehen hat, im Bett. Die griechische Hirtin ist schön, nymphoman und aus genauso rätselhaften Gründen scharf auf den Professor wie all seine Studentinnen. Und der Professor hat ein mechanisches Geschlechtsorgan mit selbsttätiger Spontanerektion.

Man kommt sich ja fast blöd vor, es hinzuschreiben, aber irgend jemand hätte den Autoren einige Tips aus dem ersten Semester an der Filmhochschule geben können – daß man auch und gerade bei einer Komödie sich selber und seine Figuren ernst nehmen sollte (und im Drama sowieso), daß nicht Situationen, sondern Vorgänge komisch sind, zumindest solange man nicht Monty Python heißt, und daß nach dem Setup der Payoff kommt. So aber wird man das Gefühl nicht los, einem spätpubertären oder frühsenilen Studentenfilm beizuwohnen, bei dem es wahnsinnig lustig ist, wenn ein Mann sich im Bett von seiner Beischläferin abwendet und brüllend über seine eigene Frau herfällt, weil die ihm nämlich gerade selber einen Seitensprung gestanden hat. Der Studentenfilm-Vergleich ist aber auch wieder unfair – Dietls eigener Sohn studiert an der Berliner Filmakademie und hat dort im ersten Studienjahr einen Kurzfilm gemacht, den ich mir mal ansehen durfte, dort wurde sorgfältig und glaubwürdig eine Situation aufgebaut und dann in höchst überraschender Weise aufgelöst, und das war um Längen besser als jede Szene in diesem Film. Hätte man allein mit den Millionen, die hier von der staatlichen Förderung geflossen sind, zehn Abschlußfilme finanziert, und nur einer davon wäre gut geworden, dann hätte die Allgemeinheit mehr davon gehabt – nämlich einen guten Film.

Bleibt zu bemerken, daß bei einer Geschichte, in der die Musik eine solche Rolle spielt, ebendiese Musik möglichst nicht so lendenlahm und einfallslos sein sollte wie die Songs von Harold Faltermeyer und auch nicht so ein uninspiriertes Gedudel wie die Filmmusik von Dario Farina. Andererseits hat man sich an schlechte Filmmusik ja ohnehin schon gewöhnt. Miserable Filme hingegen fallen eher auf. 1970-01-01 01:00
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