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Volver – Zurückkehren

Volver. E 2006. R,B: Pedro Almodóvar. K: José Luis Alcaine. S: José Salcedo. M: Alberto Iglesias. P: El Deseo. D: Penélope Cruz, Carmen Maura, Lola Dueñas, Blanca Portillo u.a.
120 Min. Tobis ab 3.8.06

Kataplasma auf bloßem Herzen

Von Fritz Göttler Volver ist der reine Überfluß. Kleider und Shirts in allen Farben und Mustern, durch impulsive Bewegungen in einen expressiven Wirbel versetzt. Speis' und Trank in Hülle und Fülle, Sandwiches, Kuchen, Marmeladen, zubereitet in wohlfundierten Küchen von Frauen voller Hingabe und mit ebenso wohlfundiertem Körper. Die Busen- und die Haarfülle von Penélope Cruz, von Almodóvars Kamera so dezent wie ungeniert gefilmt. Ab und zu ein wenig selbstgepflanzter Stoff, wenn einen das Bedürfnis überkommen sollte… Auch das Blut schwallt kräftig auf dem Boden, nachdem eine der Frauen mit dem großen Messer zugestochen hat.

Volver ist das spanische Wort für Zurückkommen, fürs Heimkehren. Aber die Heimat, das macht der Film deutlich, ist nicht mehr zum Bleiben, und das Verlangen, sie wieder zu verlassen, ist so groß wie die Sehnsucht, die man aus der Ferne nach ihr hat. Eine Heimat als Gefängnis, mit ihren Friedhöfen und Erinnerungen und ihren Häusern, wo die Frauen, von den Männern und vom Leben abgesperrt, sich jener Existenzform annähern, die bei Hitchcock die alte Mrs. Bates hat.

Volver bedeutet eine Rückkehr für den Regisseur, hat man schon in den allerersten Berichten zum Projekt lesen können, zwei seiner Lieblingsstars spielen wieder für ihn, Penélope Cruz und Carmen Maura, und manchmal scheint der Film sich damit zu begnügen, dieses Glück in Bilder und Töne zu fassen, in Bewegungen und Melodien. Ich fühle mich, hat Almodóvar erklärt, wie die Frau, die Kathleen Turner in Romancing the Stone spielt, eine lächerliche Autorin von sehr sentimentalen Romanen, die unablässig heult, wenn sie sie schreibt. Und natürlich muß man die Überschwenglichkeit, die Volver zelebriert, auch als einen Reflex auf den vorigen sehen, als Reaktion auf die Beklommenheit und die Brutalität, all die Versagungen, die La mala educación kennzeichneten.

Von einem Gardel-Lied hat der Film seinen Titel, das die ganze Melancholie des Tangos aufs wunderbarste beschwört: »Heimkehren mit einem verwitterten Gesicht, der Schnee der Zeit hat meine Schläfen gebleicht und weiß gemacht. Spüren… daß das Leben ein Windstoß ist, daß zwanzig Jahre nichts sind, daß der fiebrige Blick, der durch den Schatten wandert, nach dir ausschaut und dich nennt…« Pedro Almodóvar geht mit seiner Heldin Raimunda noch einmal zurück nach La Mancha, in die Zeit der Kindheit, ins Land der Mütter. Ins Don-Quijote-Reich, wo die Windräder sich noch drehen, aber nun als ein Zeichen von Dynamik und Fortschritt, ein Instrument der Energiegewinnung. Man kann beim Wort Volver auch an eine Wende denken, an eine Revolution, in den Beziehungen der Menschen, in der Geschichte der Menschheit.

Der menschlichen Travestie, der Travestie als Lebensform, wie sie Almodóvar in fünfzehn Filmen feierte, gibt dieser Film eine neue Dimension – indem er ein Fortleben nach dem Tode zeigt und das Leben als eine Form des Todes. Raimundas Mutter kehrt zurück, Carmen Maura, und sie bringt Zersetzung mit sich, in allen Formen, von ihren Fürzen bis zur Transzendenz. Volver ist ein freies Remake von Marnie, eine schöne kleine Studie über Eltern und Kinder, über die Pflicht der Eltern, über die Kinder zu wachen, und die Pflicht der Kinder, diesem Schutz ein Ende zu setzen, und die Schrecken, vor denen die Eltern die Kinder nicht bewahren können und die sie selber ihnen antun…

Ein Freund, so erzählt Almodóvar in seinen Produktionstagebüchern, der Autor Juanjo Millás, sei zu den Dreharbeiten zu Volver gekommen, und habe ihn gefragt, ob dieser neue Film inspiriert sei von dem Buch »Pedro Páramo« – dem Meisterwerk von Juan Rulfo, das nur ein Thema, eine Obsession kennt: die Frage, wie die Lebenden und die Toten eine Form der Koexistenz haben. Der mexikanische Furor und der Furor von La Mancha, Almodóvar war verwirrt und begeistert. Das unerbittliche Feuer, der brennende Wind, die Trübsal, die Rulfo wie kein anderer erlebt haben muß: »Und wenn Sie wollen, können Sie diese Trübsal sehen, wann immer Sie wollen. Der Wind wirbelt sie auf, aber er weht sie niemals fort. Dort bleibt sie, als wäre sie dort auf die Welt gekommen. Und man kann sie schmecken und fühlen, weil sie immer über einem ist und eng an einen gepreßt und weil sie beklemmend ist wie ein großes Kataplasma auf dem bloßen Herzen.« 1970-01-01 01:00

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