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Voll Frontal

Full Frontal. USA 2002. R: Steven Soderbergh. B: Coleman Hough. K: Peter Andrews. S: Sarah Flack. M: Jacques Davidovici. P: Beverly Detroit, Miramax Films, Monophonic Inc. u.a. D: Blair Underwood, Julia Roberts, David Hyde Pierce, Catherine Keener, Mary McCormack, David Duchovny u.a.
101 Min. Buena Vista ab 3.7.03

Julia holt den Kaffee

Von Daniel Bickermann Eigentlich erstaunlich, daß Steven Soderberghs radikales Filmexperiment nach über einem Jahr nun doch noch in die deutschen Kinos kommt. Nicht nur, weil dieser Film in Amerika schwer gefloppt ist – sondern auch, weil Soderberghs nächsten Film Solaris bereits dasselbe Schicksal ereilte. Anscheinend hoffen die Verleihfirmen auf ein gnädigeres europäisches Publikum, das ja schließlich nach Jahren der Dogma-Filme an Low-Budget-Experimente gewöhnt scheint. Verdient hätte es dieser nicht immer einfache, aber durchaus unterhaltsame Film allemal.

Soderbergh führte wieder einmal selbst unter dem Pseudonym Peter Andrews die Video-Handkamera und hat dem Film damit einen verwaschenen, verwackelten Look gegeben, der nicht zufällig an seinen Erstling Sex, Lies and Videotape erinnert. Überhaupt stellt Voll Frontal für ihn eine Umkehr dar; nach den Oscar-Abräumern Traffic und Erin Brockovich und nach dem smarten Style von Ocean's Eleven scheint sich das ewige Wunderkind mit Voll Frontal wieder an seinen Wurzeln im Independent-Stil zu orientieren, visuell wie auch inhaltlich.

Denn auch die schwer verschachtelte und mehrfach gebrochene Geschichte um eine Handvoll Menschen in Los Angeles, die alle durch die Film- und Medienbranche miteinander verbunden sind, wird beim US-Publikum für Unverständnis gesorgt haben. Nicht nur, daß der Film scheinbar ziellos von Figur zu Figur springt und erst am Ende seine Protagonisten auf einer Party zusammenführt – auf dem Weg dahin werden außerdem ganze Handlungsstränge als fiktiv entlarvt. Zudem schraubt sich die Selbstreferentialität in nie dagewesene Höhen: Wenn man als Zuschauer schließlich einen Film im Film im Film mitansehen darf, dann stellt man mit einem lachenden und einem verwirrten Auge fest, daß sich der Hang zur Intertextualität im postmodernen Kino inzwischen selbst ad absurdum geführt hat.

Natürlich ist das prätentiös, und die Video-Qualität ist mitunter so mies, daß dabei einiges an Nuancierung verloren geht. Doch glücklicherweise stellt man sehr schnell fest, daß dieser Film gar nicht mehr sein will als eine manchmal melancholische, manchmal heitere Komödie um die Neurosen der modernen Medienmenschen. Und wenn man den überhöhten Kunstanspruch erst mal vergessen hat, dann ist Voll Frontal treffsicher und originell. Dabei zeigt sich Soderberghs größte Stärke wieder einmal in der Führung der Schauspieler, die allesamt überragende Darstellungen abgeben – trotz oder vielleicht wegen der kuriosen Bedingungen am Set.

Denn der Sparkünstler Soderbergh, der ja sogar sein stargespicktes Caper Movie Ocean's Eleven für Hollywoodmaßstäbe sensationell billig halten konnte, erlegte sich und seinen Mitarbeitern für Voll Frontal einige Enthaltsamkeitsregeln auf, bei denen selbst den dänischen Dogmatikern die Augen übergehen würden: Alle Schauspieler mußten selbst fahren und sich selbst um Make-up, Garderobe und Frisur kümmern. Sogar für ihre Verpflegung am Set sollten die Stars eigenständig sorgen. Man stelle sich Julia Roberts vor, die für die versammelte Crew Kaffee und Donuts besorgt. Jedenfalls haben der Zusammenhalt und die gute Laune, die durch diese ungewöhnlichen Zustände am Set entstanden sind, dem Film spürbar gutgetan.

Den wahren Mittel- und Höhepunkt des Films bildet dabei überraschenderweise nicht das Zugpferd Julia Roberts, sondern die Königin der Indie-Actricen, Catherine Keener, die hier endlich zu ihrer verdienten Hauptrolle kommt. Ihre Performance der hyperaktiven Personalchefin am Rande der Selbstzerstörung, immer schwankend zwischen kalter Arroganz und nackter Panik, ist zugleich tief berührend und urkomisch.

Es ist also schon wieder nicht das große Hauptwerk Soderberghs, auf das die Filmwelt (und der Rezensent) seit langem warten, aber die hier zelebrierte Verweigerung jeglicher Hollywood-Normen wirkt überraschend leichtfüßig und charmant. Soderbergh entwindet sich mal wieder seinem Ruf als Vorzeige-Intellektueller und hat statt dessen einfach Spaß am Filmemachen. Und dieser Funke springt durchaus über. 1970-01-01 01:00

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