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Vinzent

D 2004. R,S: Ayassi. B: Michael Wallner. K: Daniel Gottschalk. M: Andi Müller, Ingo Fried. P: Vinzent Film, FX Factory, Leuchtcraft. D: Detlef Bothe, Anna Thalbach, Karin Baal u.a.
97 Min. Kinostar ab 20.7.06

Psycho profan

Von Mary Keiser Europa unterliegt dem Fluch der Hochkultur. Der Zwang, sich von der Kultur der Massen abzuheben, geht Hand in Hand mit der Furcht, von eben jenen verstanden zu werden. Kunst ist Selbstzweck und nicht zur Unterhaltung da. Ayassis Vinzent wirkt krampfhaft bemüht, diesen Anspruch zu erfüllen. Er macht einen Videoclip aus Roman Polanskis Film Le locataire, isoliert aber die Psychose der Hauptfigur und streicht ansonsten alles, was den Film so faszinierend macht: das allmähliche Abgleiten Trelkovskys in den Wahnsinn, die langsame Steigerung der aus Einsamkeit geborenen Bewußtseinsspaltung. Die Idee, den Mindfuck zum zentralen Handlungselement zu machen, liegt zwar im Trend, man sollte aber nicht vergessen, daß dadurch in der Regel eine verstörende Wirkung beim Zuschauer hervorgerufen werden soll. Doch wenn selbiger auch sehr daran interessiert ist, was man auf der Filmschule an Techniken so alles lernen kann, wird er sich bei deren bloßer Aneinanderreihung und Wiederholung doch mitunter sehr langweilen.

Meist irrt Vinzent auf der Suche nach seiner Freundin und dem unsichtbaren Mieter Podesch, in dessen Wohnung er sie zu sehen geglaubt hatte, durch seine eigenen seelischen Labyrinthe, begleitet von einem unangenehmen Gothic-Noise-Industrial-Sound. Zwischen die Musik wird Handlung geschoben, immer abwechselnd, ohne wirklichen Bezug zueinander. Die Technik ist experimentell ohne innovativ zu sein, so daß man bald genervt ist von den schnellen Schnitten, dem ständig wechselnden Rhythmus, dem Auf und Ab und Weg und wieder Hin der Kamera, der zur Gewohnheit werdenden verzerrten Perspektive durch das Fischaugenobjektiv. Der Film artet im wahrsten Sinne des Wortes zu einem anstrengenden Musik-Bewußtseins-Marathon aus, für den man schon trainiert haben müßte.

Die abgedroschene, viel zu offensichtliche Metaphorik vervollkommnet die Distanz zum Geschehen, die gewundene Treppe als Weg durch die Ohrmuschel ins Hirn oder der ständig suggerierte Blick durch den Türspion, wie der Name ja schon nahelegt, Ausdruck der kafkaesken Bedrohung/Bespitzelung von außen.

Da keine Dramatik aufgebaut wird, die auf einen Höhepunkt hinarbeitet, ist es nur konsequent, mit der Auflösung auch keinen mehr überraschen zu wollen. Seit der Inflation der Mindfuck-Filme wäre sowieso jedem von Anfang an klar, wer der gesuchte Podesch ist, weil es in Fight Club, The Machinist, Identity, Cypher, Secret Window etc. eben auch immer derjenige welche selbst ist. 1970-01-01 01:00

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #43.
© 2012, Schnitt Online

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