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Vier Minuten

D 2006. R,B: Chris Kraus. K: Judith Kaufmann. S: Uta Schmidt. M: Annette Focks, Jan Tilmann Schade. P: Kordes+Kordes. D: Monica Bleibtreu, Hannah Herzsprung, Richy Müller, Jasmin Tabatabai, Nadja Uhl u.a.
112 Min. Piffl Medien ab 1.2.07

Die Klavierspielerinnen

Von Maike Schmidt Minute 1: Ein klappriger VW-Bus fährt in den Hof des Jugendgefängnisses. Er bringt ein Klavier und eine Klavierlehrerin. Diese ist schon alt, macht den Job, straffälligen Jugendlichen das Klavierspielen beizubringen, schon lange. Sie hat vom Leben nie viel gehabt, nur das Klavier und die Erinnerung an eine Liebe. Eine Liebe im Krieg, die nicht sein durfte. Eine Liebe zu einer Frau, die vor ihren Augen getötet wurde, als Strafe. Aber das ist lange her, und jetzt gibt es nur noch das Klavier und das Gefängnis. Diese Frau ist Monica Bleibtreu. Sie sieht alt aus, beinahe schon dem Leben genommen. Unsichtbar und ruhig, das eine Bein hinter sich her ziehend, stur und stolz – all das mag sie in ihre Figur legen, und es gelingt ihr auf erschreckend nachhaltige Weise.

Minute 2: Ein Mädchen erwacht in seiner Zelle in dem Jugendgefängnis. Neben ihr hat sich über Nacht das andere Mädchen erhängt. Sie ist noch nicht lange da, hat keinen guten Stand. Ist aggressiv und gewalttätig. Vom Vater mißbraucht ging sie ihren eigenen Weg, nahm die Schuld ihres Freundes auf sich, der einen Mann umgebracht hat. Sie hat nichts, nur das Klavierspielen, das sie mit drei Jahren lernte und das sie liebt. Hannah Herzsprung ist dieses Mädchen. Sie ist das junge Gegenstück zu Bleibtreu. Stur und stolz wie sie, neben dem Leben existierend zeigt sie uns einen Menschen, der distanzlos emotionale Schranken aufbricht und sich in den Kopf brennt. Das ist so körperlich wie schon lange nicht mehr im Kino gesehen. Am Schluß kann man nicht mehr und will viel mehr.

Minute 3: Diese beiden Menschen treffen aufeinander. Eine Beziehung entwickelt sich. Doch das Mädchen bricht immer wieder aus, am Ende bleibt ihr nur eine Chance, um sich zu entscheiden, wofür es sich zu kämpfen lohnt. In einer fulminanten Endszene kommt es zu dieser Entscheidung. Sie ist vier Minuten lang.

Minute 4: Chris Kraus baut den Film auf diesen letzten Höhepunkt hin aus. Immer stärker gerät der Strudel, in dem diese zwei Menschen haltlos treiben, und reißt den Zuschauer mit sich. Der Film nimmt sich viel vor, und an manchen Stellen glaubt sich der Zuschauer in einem haltlosen Alptraum purer Realität. Am Ende bleibt der Schock. Und eines der stärksten Schlußbilder seit langem, welches dem oftmaligen Zuviels des Films einen dankbaren Kompensationspunkt bietet. 1970-01-01 01:00

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Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #45.

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