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Vier Fenster

D 2006. R,B: Christian Moris Müller. K: Jürgen Jürges. S: Maja Stieghorst. M: Chandra Fleig, Annette Focks. P: Schlicht und Ergreifend. D: Margarita Broich, Frank Droese, Ole Puppe, Thorsten Merten, Sandra Nedeleff u.a.
80 Min. Missingfilms ab 19.4.07

Die Mikrophysik der Liebe

Von Stefan Höltgen Wie sehr die Erzählung eines Films durch die Bilder flankiert und oft sogar getragen wird, ist eine leider außerhalb cineastischer Kreise nur selten wahrgenommene Tatsache. Und dabei macht doch genau dieses Ineinandergreifen von Plotereignissen und Schauwerten die Kunstgattung Film erst aus. Sehr vordergründig hat diese ästhetische Bipolarität wohl der Neue Deutsche Film der 1970er Jahre gezeigt. Vor allem in den Werken Fassbinders hat sich hier in Zusammenarbeit mit Kameramännern wie Michael Ballhaus, Xaver Schwarzenberger und Jürgen Jürges stets eine »zweite« Erzählebene im Bild entfaltet, die die »erste« des Plots ergänzte, kommentierte und nicht selten sogar widerlegte. Jürgen Jürges, der mit Fassbinder zwischen 1974 und 1978 zusammengearbeitet hatte, bringt sein Können jetzt in Christian Moris Müllers Film Vier Fenster ein.

Vier Fenster sieht den Psychogrammen eines Fassbinder-Filmes in vielem ähnlich – nicht zuletzt auch in der Wahl des Sujets, das eine vierköpfige Familie beschreibt, deren Mitglieder in jeweils einzelnen Kapiteln vorgestellt werden. Die Interaktion dieser vier Menschen ist dabei marginal, stellt eine sich voneinander entfremdende, beinahe atomisierte Zwangsgemeinschaft vor, in der jeder verzweifelt versucht, Kontakt zum jeweils anderen zu bekommen, jedoch durch die Konventionen gehindert wird. Die Mutter sucht körperliche Liebe, ihr Mann weist sie jedoch ab, weswegen sie sich (vergeblich) Fremden zuzuwenden versucht. Der Vater begehrt seine eigene Tochter und versucht darüber den Schein der Normalität zu wahren. Die Tochter lebt in einer Beziehung, die der entfremdeten Liebe ihrer Eltern in nichts nachsteht, und ihr Bruder stürzt schulisch ab und verdingt sich als Gelegenheitsstricher, um auf diese Weise menschliche Nähe zu finden. Uns werden diese Personen einzeln, in separaten Kapiteln vorgestellt, wie sie sich durch die Enge der gemeinsamen Wohnung bewegen, wie sie sich allabendlich in der Stammkneipe treffen, was sie davor und danach machen – in unerträglicher Nähe zueinander und doch unendlich weit voneinander entfernt.

Daß diese Spaltung so deutlich wird, ist zuallererst der Bildsprache des Films zu verdanken. Der Zuschauer wird in die Zeugenschaft dieser Beziehungen regelrecht hineingezwungen, durch die stets auf Augenhöhe gehaltene Kamera, die sich halb hinter Türrahmen verbirgt, oft nur durch Spalte in die Räume sieht und dokumentiert, daß mit den Menschen im Bild nichts passiert. Oft stehen sie einfach da, und man ahnt, was sie denken. Sie wenden sich (stets von Gardinen verschlossenen) Fenstern zu, kriechen hinter die Vorhänge, um hinauszuschauen – ein Blick ins Freie, der uns jedoch verwehrt bleibt. Wir müssen die Enge und die Dunkelheit der Orte weiter ertragen, als wären wir eines der Familienmitglieder, von denen sich der andere just abgewandt hat. Man beginnt sich bereits von der ersten Szene an unwohl in dieser Rolle zu fühlen (die nicht wenig von »Zeugenschaft« hat), auch weil man ahnt, daß hier hinter eine Fassade des Alltags geblickt wird, die kaum normaler sein könnte und deren Normalität es gerade ist, die so beängstigend und beklemmend wirkt, weil sie dokumentiert, daß Familie eigentlich nur noch ein Vorwand ist.

Ob diese These Müllers/Jürges' zutrifft, ist diskutabel. Daß sie aber überhaupt diskutabel ist, dafür sorgt die provokative Inszenierung. Vier Fenster schließt lückenlos an die sozialen und psychologischen Diskurse der deutschen Autorenfilme der 1970er Jahre an: Beinahe in jeder Szene fühlt man sich an die Enge aus Fassbinders Angst vor der Angst oder die soziale Isolation aus Herzogs Stroszek erinnert. Christian Moris Müller hat damit einen Film gedreht, der sich einerseits auf eine langjährige und fruchtbare Erzähltradition beruft (die bis zum Bürgerlichen Trauerspiel Lessings zurückreicht) und der andererseits eine Gegenwartsanalyse erstellt, die trotz ihrer Hoffnungslosigkeit einen positiven Kern enthüllt: Das Drama der Isolation in der Gemeinschaft ist seit eh und je dasselbe, auch wenn sich die Symptome verlagert haben. Daraus läßt sich Film machen, das führt zu affektvollen Bildern, die für sich sprechen, wenn die Figuren längst verstummt sind. Vier Fenster ist deshalb auch irgendwie ein hoffnungsvoller Film, weil er zeigt, daß der deutsche Film eben doch noch eine eigene Sprache hat – oder sie nie verlernt hat. 1970-01-01 01:00

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