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Vienna

Vienna. A/D 2000. R,B: Peter Gersina. K: Zivko Zalar. S: Moune Barius. M: Thomas Rabitsch. P: Kinofilm München, Helkon, Doro. D: Roman Knizka, Axel Milberg, Max Tidorf, Elke Winkens, Erika Marozsan u.a.
104 Min. Helkon ab 12.09.02

Populäre Kunst

Von Carsten Tritt Es muß wohl Sommeranfang 2000 gewesen sein, als ich Vienna in der Pressevorführung gesehen habe, und der Film sollte, wenn ich mich recht entsinne, im Juli des Jahres in den Kinos starten. Die Pressebetreuerin begrüßte uns vor dem Kinosaal schon mit dem Hinweis, daß Vienna auf den St.-Nimmerleins-Tag verschoben werde, und da dies leider so kurzfristig entschieden worden sei, habe man die Vorführung nicht mehr habe absagen können. Na gut, da die Kopie schon mal da war, und wir fünf oder sechs Kritiker uns nicht umsonst zu frühmorgendlicher Stunde in das Düsseldorfer Multiplex-Theater geschleppt haben wollten, schauten wir uns den Film dann trotzdem an.

Zwei Jahre und ein paar Duzend Filme später bekomme ich nun Nachricht, daß Vienna doch nicht sein Ende als RTL-Weltpremiere der Woche finden, sondern wenige Tage, nachdem diese Zeilen geschrieben sein würden, auserwählte Leinwände der Republik erleuchtet haben wird. Doch dieses unerwartete Ereignis soll im Rahmen dieser Kritik nicht nur eine Gelegenheit für mich sein, den Futur II endlich einmal wieder zu verwenden, sondern auch mein Gedächtnis auf eine harte Probe zu stellen, denn viel von der Handlung krieg ich wirklich nicht mehr zusammen (ich habe zwar ein altes Presseheft neben mir liegen, das sicher auch eine Inhaltsangabe beinhaltet – aber seien wir doch mal ehrlich: Pressehefte sind was für Weicheier).

Also: Ein weltfremder Jüngling mit leichter visionärer Veranlagung, der sein ganzes bisheriges Leben als Friedhofsarbeiter verbracht hat, wird von diesem Friedhof vertrieben. Er kommt in die große alte Stadt Wien und wird, dort allein völlig verloren, aufgenommen von einem blinden Kunstkritiker und irgendeinem Musiker (dessen Handlungsfunktion ich aber sowas von vergessen habe; ich weiß nur noch, daß er sich in eine Automechanikerin – vorzüglich gespielt von Elke Winkens – verliebt). Die drei hausen in einem verfallenen Bauwagen, der aber von bösen Menschen abgerissen wird, worauf die drei sich eine normale Wohnung suchen müssen. Zwischendurch hilft der Friedhofsgärtner noch dem blinden Kunstkritiker, indem er ihm sagt, was der überhaupt so an bildender Kunst sieht. Dann verliebt sich der Friedhofsgärtner in eine Prostituierte namens Eva, mit der er aus einem Puff flieht, der entweder »Eden« oder »Paradies« hieß. Am Ende stirbt dann der Kunstkritiker.

Ich weiß daß ich den Film damals nicht besonders dolle fand, muß aber bemerken, daß Vienna in der Erinnerung besser geworden ist (Verklärung?). Was sich mir wirklich eingebrannt hat, und was auch viel wichtiger ist als die Story, sind diese unglaublich konstruierten, aber präzisen und immer mit Nebensätzen verkomplizierten Dialogzeilen, die Gersina seinen Protagonisten in den Mund legt. Gersina hat diesen Sprachstil schon in seinem Drehbuch zu Das merkwürdige Verhalten geschlechtsreifer Großstädter zur Paarungszeit ansatzweise verwandt, und bei seinem Regiedebüt Vienna war wohl niemand mehr vorhanden, der ihn hätte bremsen können – außer dem Verleih, der das Werk erst einmal zwei Jahre in den Keller stellte. Also wirklich, so wie die da im Film redet doch kein Mensch. Ziel des Filmemachers ist aber auch offensichtlich nicht Realismus gewesen, sondern Poesie, und in dieser Disziplin erreicht er teilweise sogar Höchstleistungen. Andererseits gibt es aber auch einige sehr dünn geratene Ausfälle, wie diese Sache mit der Puff-Namen-Symbolik oder eine zwar ganz nett gefilmte, aber überhaupt nicht zur Geltung kommende und kontraproduktive mehrminütige Du sollst mein Glücksstern sein-Hommage. Insofern torkelt der Film, im Rausche seines eigenen Anspruchs, ein wenig zu stark bei seinem Versuch, auf der dünnen Trennungslinie zwischen Poesie und Plattheit zu wandeln. Dennoch ist Vienna bei aller qualitativen Mittelmäßigkeit ein Film, der sich von den anderen Produktionen, die ich in den letzten zwei Jahren gesehen habe, durch sein ungewohnt umgesetztes populär-künstlerisches Ansinnen wohlwollend abhebt, und der seinen Bundes-Kinostart deswegen doch ohne Einschränkungen verdient hat. 1970-01-01 01:00
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