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Viel passiert – Der BAP-Film

D 2000/2001. R,B: Wim Wenders. K: Phedon Papamichael. S: Moritz Laube. P: Olaf Wicke. M: BAP. D: BAP, Marie Bäumer, Joachim Król, Wolf Biermann u.a.
96 Min. ottfilm ab 07.03.02

Kölner Heimatmelodie

Von Mark Stöhr Ungefähr so muß es gewesen sein: Wim Wenders sieht in einer Düsseldorfer Kunstgalerie von weitem Wolfgang Niedecken. Er bewegt sich daraufhin rasch zum nächsten Notausgang, wird aber auf halbem Weg vom Kölner Südstadtrocker abgefangen und zu einem gemeinsamen Kölsch gezwungen.

Für einen von Geburt her überzeugten Alt-Trinker eigentlich schon Strafe genug, hat Niedecken aber auch noch sein neuestes Album dabei und schlägt Wenders vor, das Video zur ersten Singleauskopplung zu machen. Weil Wenders ein höflicher Mensch ist, sagt er nicht, daß der flächendeckende Erfolg von BAP Anfang der 80er für ihn der eigentliche Grund war, Deutschland zu verlassen, und lobt stattdessen das Artwork der Platte. Niedecken läßt aber nicht locker, ordert immer neues Kölsch und ist in seinen auf permanentes Auto-Reverse gestellten Bandmemoiren schon beim Shanghai-Konzert anno '87. Spätestens beim zehnten Kölsch und dem Spontan-Videodreh mit Bruce Springsteen 1995 knickt Wenders ein und verspricht, »was Richtiges« zu machen. Damit Ruhe ist. War aber nicht. Ein paar Monate später klingelt bei Marie Bäumer das Telefon, und Joachim Król fragt, ob sie Wenders auch schon wegen dieses komischen BAP-Films angerufen habe, und sie darauf nur: »Wer ist Bab?« Bloß Wolf Biermann, der alte Seebär aus der Zone, stellte keine Fragen, aber auch nur, weil bei dem sowieso niemand mehr anruft.

Ungefähr so muß es gewesen sein. Anders ist es nicht zu erklären, daß der schon seit fast einem Jahrzehnt an akutem Cadragenotstand laborierende Wenders nach der noch halbwegs munter musizierenden Rollstuhlcombo aus Havanna nun den Kölner Deutschrock-Pensionären das visuelle Schnabeltäßchen reicht. Zumal zu einem Zeitpunkt, als sich die Band völlig neu formiert und mit dem Gitarristen Klaus Heuser ihr musikalisches Herz verloren hatte. Wenn es ein solches je gab, denn mit Gruseln betrachtet man die noch heute gültige Referenzliste von den Kinks über die Stones bis zu Bob Dylan. BAP waren vor zwanzig Jahren ein wichtiger Transporteur und Multiplikator der Anliegen der Anti-Atomkraft- und Friedensbewegung, Niedeckens Straßenköter-Poesie entsprach in ihrem Mix aus privater Offenheit und politischem Engagement ziemlich genau einem damals herrschenden Bedürfnis. Heute machen BAP Musik für ischiasgeplagte Studienräte auf dem Weg zur Arbeit, die Texte überschreiten selten die politische Weitsicht einer durchschnittlichen SPIEGEL-Ausgabe. Und vor allem: Niedecken betet in Interviews den immergleichen Sermon runter, die immergleichen Bandlegenden von »leergeprobten Bierkästen« und im Privatwagen runtergerissenen Tourkilometern, diese ganze Köln-Kölsch-Nostalgie-Nummer, und er immer mittendrin als einsam auf dem Hotelzimmer dichtender und Unmengen von Rotwein trinkender Rockcowboy. Ganze Plattenbooklets sind voll von dieser selbstmitleidig-selbstgefälligen Dylan-Posiererei.

Jetzt darf er alles noch einmal erzählen. Wenders schenkte ihm in seiner Doku Viel passiert die komplette Voiceover-Schiene und bastelte um einen Auftritt der Band in der Essener Lichtburg noch eine kleine Geschichte mit Joachim Król als Filmvorführer und Marie Bäumer als Platzanweiserin. Im Rücken der Musiker spulen Rückpros die wichtigsten BAP-Stationen durch, Aufnahmen von mäßig spontanen Backstage-Jams sollen die nach wie vor intakte Gruppenpsychologie belegen, und der arme Biermann muß mit betroffener Dackelmiene Fernsehaufzeichnungen über die geplatze DDR-Tournee von 1982 mitverfolgen. Das Kino als Dunkelkammer der Erinnerungen – mehr ist Wenders zu BAP nicht eingefallen. Auf die Beschwörung längst abgestandener Rock 'n' Roll-Attitüden reagiert er mit nicht minder verstaubten Kinomythen und setzt sich und BAP ein Denkmal im schlechtesten Sinne: als Dokument des absoluten Stillstands. 1970-01-01 01:00
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