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Viehjud Levi

D/CH/A 1998. R,B: Didi Danquart. B: Martina Döcker. K: Johann Feindt. S: Katja Dringenberg. M: Cornelius Schwehr. D: Bruno Cathomas, Caroline Ebner, Ulrich Noethen, Martina Gedeck, Bernd Michael Lade u.a.
95 Min. Arsenal/Ventura ab 30.9.99
Von Petra Kraus, Anna-Katharina Werdnik Es ist das Jahr 1933, ein Mann und eine Frau in einem kleinen Lieferwagen auf nächtlicher Fahrt durch den Schwarzwald. Sie sprechen nicht, beide sehen vor sich hin, jeder wie es scheint seinen Gedanken nachhängend. Da führt die Frau ihre Hand an das Gesicht des Fahrers, einen Moment unbestimmt, dann gleiten die Finger über den Mund. Zärtlich, aber auch unbeholfen liebkost der Mann diese Finger, als er die Augen schließt, entweicht eine unerträglich schöne Spannung wie in einem befreienden Seufzer. Dort, im tiefen Dunkel des Waldes, fern von allen Bedrohungen dieser so ungewissen und rauhen Zeit, gewinnt der jüdische Viehhändler Levi die von ihm so herbeigewünschte Liebe der Bauerntochter Lisbeth.

Bruno Cathomas, derzeit am Schauspiel Basel beschäftigt, spielt den Viehjuden Levi. Sein Spiel ist so ausdrucksstark und sensibel, wie wir es selten von deutschsprachigen Mimen kennen. Cathomas macht den Viehjud Levi, den der am 29.08.1995 zu früh verstorbene Dramatiker Thomas Strittmatter 1982 als Theaterstück verfaßte, nachfühlbar. Zwischen den eigenwilligen Zwiegesprächen mit seinem ständigen Begleiter, dem Hasen Jankel, und einer unbeholfen erscheinenden Vorsicht um die Rechte seiner Person, spürt man seine herzliche Wärme und unerschrockene Zuneigung zu den im Gegensatz zu ihm sehr halsstarrigen Schwarzwäldern. Um so mehr fürchtet man sich, angesichts der anwachsenden nationalsozialistischen Bedrohung vor der sich noch entwickelnden Handlung des Films. Cathomas/Levi eröffnet uns eine kleine spezielle, zum Teil verloren gegangene Welt.

Der Film sei nicht als Anklage gedacht, versichert Didi Danquart, der Regisseur des Films und Freund Strittmatters, sondern zeige vielmehr in einer Art Mikrokosmos, wie eine Gesellschaft durch einen gezielten propagandistischen Angriff von außen zersetzt werden könne und mache uns damit auf unsere eigene Widersprüchlichkeit aufmerksam. Didi Danquart ist es gelungen, hauptsächlich mittels einfühlsamer Schauspielerführung ein kluges Gesellschaftsbild dieser Zeit zu vermitteln. Diese Tatsache läßt uns großzügig über teils historische Mängel im Porträt der wirtschaftlichen und sozialen Strukturen im Hochschwarzwald und die mangelnde Stringenz bei der Wahl der Mundart, die vom Allemannischen bis ins Oberbayerische reicht, hinwegsehen. 1970-01-01 01:00

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Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #16.
© 2012, Schnitt Online

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