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Die Versuchung des Padre Amaro

El crimen del padre Amaro. MEX/E/ARG/F 2002. R: Carlos Carrera. B: Vincente Lenero. K: Guillermo Granillo. S: Oscar Figueroa. M: Rosino Serrano. P: Alameda Films, BluFilms, Foprocine u.a. D: Gael García Bernal, Sancho Gracia, Ana Claudia Talancon, Angelica Aragon u.a.
118 Min. Columbia TriStar ab 15.5.03

Katholische Abziehbildchen

Von Tamara Danicic Skandale beleben das Geschäft – und je dicker man aufträgt, desto besser. Im Falle der Versuchung des Padre Amaro, dessen Protagonist nicht nur an schwachem Fleisch, sondern auch an einem willfährigen Geist leidet, ist eine solche Korrelation offenbar nicht von der Hand zu weisen.

Nach dem Filmstart in Mexiko klingelten die dortigen Kinokassen so heftig wie schon lange nicht mehr, während die katholische Kirche sich gleichzeitig in Exkommunikationsdrohungen und Empörung erging.

Entsprang die 1875 publizierte Romanvorlage des portugiesischen Romanciers José María Eça de Queiroz (»Das Verbrechen des Padre Amaro«) einer Verbitterung ob der gesellschaftlichen Zustände, so ist in der lax angelehnten, modernisierten Filmversion nur noch eine pseudo-anklägerische Pose übrig geblieben.

Was im erzkatholischen Mexiko als neue Offenheit der Ära Fox – seit 2000 Präsident des Landes – gefeiert wird, entpuppt sich als marktschreierische Ausbeutung eines durchaus sensiblen Themas. Im antiklerikalen Angriff wird keine Flanke ausgelassen, um das stellenweise satirisch verzerrte Bild der Kirche als Sündenpfuhl zu entwerfen, wo Machtgier, Bigotterie und (unterdrückte) Lust den Ton angeben. Das Resultat ist ein handwerklich recht ordentlicher Holzschnitt, dem jedoch jegliche feinere Linienzeichnung fremd zu sein scheint und der damit nicht zuletzt auch ein mögliches echtes Anliegen verspielt.

Im Zentrum der Geschichte steht der junge Padre Amaro – zu Anfang ein Ausbund an Naivität und Glaubenseifer – der als Protegé des Bischofs in die tiefe mexikanische Provinz geschickt wird, um die Meriten für seinen weiteren Karriereweg zu erwerben. Doch dummerweise erleiden seine hehren Ideale gleich doppelten Schiffbruch: zum einen, weil auch er in der Hierarchie nach oben strebt, zum anderen, weil er dem ewig lockenden Weib nicht zu widerstehen vermag. Dieses tritt auf in Gestalt der mystizistisch verblendeten sechzehnjährigen Amelia, bei der Glaube und Sexualität eine eigenartige Symbiose eingehen.

Vergeblich erwartet man als Zuschauer irgendwelche Anzeichen innerer Zerrissenheit oder Kämpfe, allzu reibungslos vollzieht sich Amaros Wandlung vom ehrbaren Paulus zum über Leichen gehenden Saulus. Da rettet auch der mittlerweile arrivierte Jungstar Gael García Bernal (Amores perros, Y tu mamá también) seine Figur nicht vor der Flachheit. Was das übrige Personeninventar betrifft, so finden sich auch hier keinerlei gebrochene, schillernde Charaktere. Statt dessen setzen Drehbuchautor Vicente Leñero und Regisseur Carlos Carrera auf den billigen Effekt der Schrulligkeit, wenn sie eine reichlich verwirrte, der schwarzen Magie zugetane Dorfirre Dionisia in die Handlung einflechten und damit die mit heidnischen Elementen durchsetzte Gläubigkeit in Lateinamerika zum Klischee gerinnen lassen.

Formal macht der Film den Hochglanzprodukten der amerikanischen Traumfabrik alle Ehre. So werden die Figuren ins rechte Scheinwerferlicht gerückt und die behaupteten emotionalen Achterbahnfahrten, je nachdem, mit einem satten Score oder geistlicher Musik unterfüttert. Insgesamt wird man den Eindruck einer auf Kino getrimmten und dramaturgisch verdichteten südamerikanischen Telenovela nicht los. Mögen sich einige klerikale und besonders gottesfürchtige Gemüter auch erhitzen lassen, so dürfte die Mehrheit angesichts der allzu offensichtlich kalkulierten dramatischen Wendungen sowie der Abziehbildfiguren ziemlich ungerührt bleiben. 1970-01-01 01:00
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