— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Verschwende deine Jugend

D 2003. R: Benjamin Quabeck. B: Kathrin Richter, Ralf Hertwig. K: David Schultz. S: Tobias Haas. P: Claussen & Wöbke. D: Tom Schilling, Mareike Malina Lindenmayr, Robert Stadlober, Jessica Schwarz, Christian Ulmen u.a.
101 Min. Constantin ab 3.7.03

Neue deutsche Nostalgie

Von Carsten Happe Im Sommer '81 streckt die Neue Deutsche Welle ihre Fühler aus, ein Ruck geht durchs Musikbiz und auch durch Harry Pritzel, der seine fixe Idee, die leidlich talentierten Apollo Schwabing groß rauszubringen, nur durch einen noch absurderen Einfall ersetzt: der deutschen Punk-Diaspora München das größte Konzert des Jahres zu schenken – einen Auftritt von DAF, der Band der Stunde. Harry Pritzel, das sei noch erwähnt, ist 19 Jahre jung; sein Darsteller Tom Schilling spielt ihn keinen Tag älter. Das paßt ganz wunderbar zum Titel, das fügt sich angenehm in die kurz aufflackernde Aufbruchstimmung der Zeit.

NDW war eine Jugendkultur, die sich selbst erschuf und eine Zeitlang autark überlebte. Als Geier Sturzflug und Hubert Kah den ganzen Spuk ans Licht der Öffentlichkeit und mitten in die ZDF-Hitparade zerrten, war alles längst vorbei. Heutzutage wärmt Sauberfrau Nena ihre frühen Erfolge wieder auf, und deutsche Regiehoffnungen drehen Filme über den Anfang, das Ende und wie es dazu kam.

Benjamin Quabeck hat sich mit Verschwende deine Jugend zwischen alle Stühle gesetzt. Mehr noch, er hat es sich dort richtig bequem gemacht. Sein Film ist glatt, bisweilen seifig, voll unnötig menschelnder Momente. Einer Subkultur – der Subkultur – mit den Mitteln des Mainstreamkinos beizukommen, das hat allerdings schon wieder was: Verschwende deine Jugend unterhält über weite Strecken ganz prächtig.

Über die aufkeimende Neue Deutsche Welle erfährt man zwar recht wenig, umso mehr jedoch über den Zustand des deutschen Films anno 2003 sowie der Massenkultur allgemein. Die Generation Golf badet weiterhin unablässig in ihrer Nostalgieseligkeit, feiert permanent ihre Erinnerungsleistungen, die mitunter gar bis in die 70er hineinreichen, als alles so schön bunt war und die Prilblumen den Abfluß verstopften. Peinlich wird's nur dort, wo die heutige, fast wehmütige Sichtweise Einzug in die Dialoge der damaligen Zeit hält.

Die anfängliche Konzeptlosigkeit Harry Pritzels weicht schließlich doch der genauen Vorstellung. Leider, möchte man meinen, denn aus Improvisation entsteht am ehesten das Neue. Eine liebevolle Verneigung vor dem Alten ist jedoch auch schon eine Menge wert. 1970-01-01 01:00

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #31.
© 2012, Schnitt Online

Sitemap