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Verrückt bleiben, verliebt bleiben

D 1997. R,B,K: Elfi Mikesch. S: Heide Breitel. M: Laszlo Waszlavik, Roland Steckel. D: Torsten Ricardo Engelholz, Mitglieder des Theater Thikwá u.a.
88 Min. Edition Salzgeber ab 17.7.97
Von Oliver Baumgarten Eine U-Bahn hält, die weitläufigen Türen öffnen sich, Fahrgäste steigen aus und ein, dann die Durchsage: »Zuuurück bleiben!«, die Türen schließen wieder und die Bahn verschwindet langsam in der Tiefe des Tunnels.

Torsten Ricardo Engelholz liebt die U-Bahn. Für ihn verbindet sie Phantasie mit allzu Realem, sie beweist ihm tagtäglich die Existenz von Freiheit und ist Ausdruck seiner Sehnsucht nach Lebensordnung und Integration. Aber gleichsam spiegelt sie in ihrem finsteren, klaustrophobischen Tunnelgang sein eigenes düsteres Trauma der Vergangenheit, dem er, wie er weiß, auch im schnellsten Zug nicht zu entkommen vermag. Torsten Ricardos Leben war Dunkelheit und Enge. Als Kind in einer schmalen Kammer hause(r)n müssend, führte ihn sein Weg im weiteren Verlauf über ein Kinderheim zu längeren Aufenthalten in der Psychiatrie. Verrückt bleiben, verliebt bleiben dokumentiert sein zweites Leben, das er sich unter anderem durch sein Engagement in einer Laienspielgruppe, des »Theater Thikwá«, aufzubauen begonnen hat.

Die Regisseurin Elfi Mikesch, hauptsächlich geschätzt für ihre Kameraarbeit für Werner Schroeter, Rosa von Praunheim und Monika Treut, begleitet Torsten Ricardo auf seinen begeisterten Trips durch die ewige Nacht der Untergrundbahnen und den leidenschaftlich absolvierten Theaterproben. Dabei nimmt sie sich als Dokumentaristin gänzlich zurück und gibt Torsten Ricardo Raum, Gedanken und Empfindungen seinen ganz speziellen phantasie- und humorvollen Ausdruck zu verleihen: So entwickelt er Geschichten wie die der rivalisierenden Planeten »Psycha« und »Paradi«, die abwechselnd die Herrschaft übernehmen. Mikesch hält ihre Dokumentation filmtechnisch sehr minimalistisch, arbeitet fast ausschließlich mit Handkamera und läßt so ihrer Hauptperson jede Freiheit, so zu handeln, wie es ihr beliebt.

Elfi Mikeschs im Panorama der Berlinale uraufgeführter und begeistert aufgenommener Film ist kein mitleidprovozierendes Porträt eines Außenseiters, sondern lebensbejahendes Zeugnis von einem, der sein Leben in den Griff bekommt und seinen Platz in der Gesellschaft gefunden hat. Und wer den Film gesehen hat und wieder einmal in eine U-Bahn steigt, wenn die Türen schließen und ein Liebespaar auf dem Bahnsteig steht, der wird an Torsten Ricardos nur leicht veränderte Ansage denken: »Verrrliebt bleiben, verrrückt bleiben!« 1970-01-01 01:00

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #07.
© 2012, Schnitt Online

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