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Verlorene Liebesmüh'

Love's Labour's Lost. USA/GB 1999. R,B,D: Kenneth Branagh. K: Alex Thomson. S: Neil Farrell, Dan Farrell. M: Patrick Doyle. P: Lost Films. D: Alicia Silverstone, Alessandro Nivola, Natasha McElhone, Adrian Lester, Matthew Lillard u.a.
93 Min. Prokino ab 25.5.00

Great American Songbook

Von Richard Oehmann »Cheek to cheek« ist der am häufigsten zitierte Fred Astaire-Song. Nicht nur von Woody Allen oder zuletzt in The Green Mile wurde er als Verweis auf die Tröstlichkeit der Kunst verwendet. Kenneth Branagh setzt noch einen drauf, er hält die Gershwin-Komposition sogar für tauglich, in einem Shakespeare-Stück zu erklingen. Mit Recht. Die Songs der Tin Pan Alley, das Edelste, was die weiße amerikanische Kulturgeschichte zu bieten hat, mit Englands Nationalschatz zu kombinieren, ist in etwa so doof und zugleich konsequent wie Curt Siodmaks B-Movie-Geistesblitz, Frankenstein auf den Wolf Man treffen zu lassen. Branagh, flammender Shakespearianer, rückt mit seiner Adaption des Stückes »Love's Labour's Lost« ein imaginäres britisches Oxbridge näher an den Broadway heran.

Das Stück gehört zu den unbekannteren Shakespeares. Nur eine britische Fernsehversion hat sich mal damit abgegeben, ist es doch mit zu vielen zeitbezogenen Anspielungen versehen. Dabei ist die Handlung denkbar simpel: Der junge König von Navarra schwört zusammen mit drei Freunden für drei Jahre allen Vergnügungen ab, auf daß sie sich besser ihren Studien widmen können. Die Selbstkasteiung wird schnell auf eine harte Probe gestellt, denn die Prinzessin von Frankreich reist gerade an und hat zufällig drei Freundinnen dabei – alle schön. Und trotz aller protestantischer Pflichterfüllungs-Eide kriegt jedes Töpfsche am Ende sein Deckelsche.

Die neugegründete Shakespeare Film Company will sich in den nächsten Jahren um respektable Stück-Adaptionen kümmern, und Verlorene Liebesmüh' ist ihre erste Produktion. Branagh hat den Text dafür um satte 75 Prozent gekürzt, und die Monologe, etwa die Szene, da alle vier Liebenden Gedichte schreiben, in Songs verwandelt. Die Lieder hat er dem Great American Songbook der 20er, 30er Jahre entnommen, den Werken Gershwins, Porters oder Berlins.

Als Musical ist Verlorene Liebesmüh' absolut überzeugend, obwohl Branagh keine Sänger und Tänzer besetzt hat, sondern Schauspieler, die vorher eigens Steppen und Singen trainieren mußten. Dies tut den Showeinlagen keinen Abbruch, Branagh weiß seine Musical-Anfänger samt ihrer teilweise dünnen Stimmen zu inszenieren, vor allem Irving Berlins altes »Let's face the music and dance« könnte als hocherotisches MTV-Video taugen.

Die Bezüge zum Zweiten Weltkrieg, die per Wochenschau eingestreut werden, sind kaum mehr als ein Gag, auch wenn der Regisseur erklärtermaßen dadurch etwas Tragik einstreuen wollte. Ansonsten kann er hemmungslos seiner Vorliebe für Possierlichkeiten erliegen, unter der seine Verfilmungen gehaltvoller Shakespeare-Stücke manchmal litten. Selbst so einem verquollenen Stück Amerika wie Alicia Silverstone ist dabei das Gaukler-Vergnügen anzumerken, der große Timothy Spall albert selbstvergessen als Don Alfredo herum und für die Rolle des Zweiflers Berowne hat sich Branagh ein paar tänzerische Fleißaufgaben einfallen lassen.

Das, was ihm an Eleganz zum Fred Astaire fehlt, macht der Routinier Alex Thomson (Cliffhanger, Track 29) mit seiner Kamera wieder wett. Bei Astaire hatte sich die Kamera weitgehend ruhig gehalten, damit der Tänzer sich steppend die Räume erobern konnte, tischauf, stuhlab – Thomson kann sich nun nicht sattsehen an der Ausstattung, zugleich umzirkelt er schwärmerisch seine Objekte, tänzelt etwa ausgiebig mit Branagh durch einen runden Bibliotheksraum, um dann zur Verblüffung des Zuschauers wieder in der Ausgangsposition anzukommen. Astaire tanzte für die Kamera, Branagh tut es mit ihr. 1970-01-01 01:00

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