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Vergiß mein nicht

Eternal Sunshine of the Spotless Mind. USA 2004. R: Michel Gondry. B: Charlie Kaufman. K: Ellen Kuras. S: Valdís Óskarsdóttir. M: Jon Brion. P: Blue Ruin, This is That, Anonymous Content. D: Jim Carrey, Kate Winslet, Kirsten Dunst, Tom Wilkinson u.a.
108 Min. Constantin ab 20.5.04

Zweiter Anlauf

Von Thomas Waitz Joel Barish steht am Bahnsteig eines Vorortbahnhofes, an einem verhangenen, kalten und grauen Morgen, unter vielen anderen Pendlern. Man wartet auf den Zug, der einen zur Arbeit bringen wird. In nur wenigen Einstellungen und noch vor dem Ende des Vorspanns gelingt es Gondry, einen Ausdruck dafür zu finden, was der Film später aufgreifen wird. In der alltäglichen Wiederholung banalster Tätigkeiten verschränkt sich die Erinnerung an das, was gewesen ist, mit dem, was immer sein wird – und daß sich der Mensch am Ende immer wieder in die gleichen romantischen Selbstentwürfe verirren wird, zwanghaft zum Scheitern verurteilt, das ist so etwas wie der pessimistische Grundton von Vergiß mein nicht. In seiner zirkulären Struktur wird sich am Ende wiederholen, was am Anfang steht, wenn auch als Paradoxon.

Der Zug der Gegenrichtung am gegenüberliegenden Gleis ist schon eine Weile eingefahren, eine Überführung verbindet die beiden Bahnsteige. Die Kamera faßt diesen Mann, der unscheinbar wirkt, unruhig wartet, in großer Brennweite in den Kader, fast scheint es, als seien wir selbst Beobachter, die von einem dritten Punkt hinüberstarrten. Plötzlich rennt er los, stürzt die Treppen hinauf, hastet auf die andere Seite. Einige der Wartenden sehen ihm teilnahmslos nach. In letzter Sekunde erreicht er noch den Zug in die andere Richtung, drängt sich zwischen die sich schließenden Türen, läßt sich in einen Sitz fallen. Die Fahrt geht an die Küste, ans Meer, und dort ist erst einmal ein Telefonanruf fällig: Nein, heute könne er leider nicht zur Arbeit kommen, es gehe nicht. Am Ende des Tages wird sich dieser seltsame Mann verlieben, und am Ende des Films gleich noch einmal. Beide Male wird es dieselbe Frau sein – dazwischen liegt das Auslöschen der Erinnerung, was das Auslöschen der Bilder meint: Bilder in einem metaphorischen, Bilder aber auch in einem filmischen Sinn.

Wollte man benennen, was Vergiß mein nicht am stärksten von den bisherigen Filmen Charlie Kaufmans unterscheidet, dann zweifelsohne und am stärksten seine Düsternis – und die scheint zu einem gut Teil ein Resultat der gleichermaßen gewitzten wie im Hinblick auf die Schauspieler nachlässigen Regie Gondrys zu sein, der sich noch mit Human Nature, den man wohl getrost als künstlerisch gescheitert ansehen muß, an der überdrehten Fabulierlust Kaufmans verhob. Zu glatt, zu artifiziell, zu belanglos wirkte letztlich sein erster Langfilm – und stand damit auch in einem deutlichen Gegensatz zu jenen Filmen, die Kaufman für Spike Jonze geschrieben hat.

Denn Vergiß mein nicht ist – trotz seines Casts – in seinem Look ein fast unspektakulärer Film, nahe an der grauen Realität, dem die unbeschwerte, aber auch stets im Ungefähren bleibende Atmosphäre aus Being John Malkovich, aber auch die Verspieltheit von Adaptation abgeht. Vergiß mein nicht ist ein Film, der als Romantic Comedy, die er über weite Strecken ist, nicht gemocht werden will, der beeindrucken möchte, in dem es nie richtig hell zu werden scheint, den eine latent bedrohliche, beängstigende Atmosphäre durchzieht. Wenn Joel Barish seine Erinnerungen verlieren wird, dann ist dieser Vorgang grandios visualisiert. Die schrittweise Auslöschung dessen, was war, wird genuin-filmisch realisiert. Doch nicht einmal die technisch avanciertesten Effekte sind am eindrücklichsten: Wenn Barish in einer sich schrittweise leerenden Bibliothek steht, dann entgleitet ihm nicht nur seine Umwelt, die Erinnerung an seine Liebe, die ihm entrissen wird, sein Leben selbst ist es, das ausgelöscht wird. Daß der Albtraum, den dieser Mann erlebt, in seiner Wirkung so erschreckend ist, liegt daran, daß Gondry meisterhaft eine Bildsprache findet, die in ihrer kulturellen Semantik des Verschwindens unmittelbar evident ist. Darin liegt die eigentliche Qualität des Films. 1970-01-01 01:00

Abdruck

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