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Verführerischer Mond

Feng yue / Temptress Moon. HK 1996. R: Chen Kaige. B: Shu Kei. S: Pei Xiaonon. K: Christopher Doyle. D: Gong Li, Leslie Cheung, Kevin Lin, He Saifei u.a.
120 Min. Pandora ab 29.5.97
Von Michael Biniok Shanghai in den 20er Jahren: Pu Yi, der letzte Kaiser, wurde gezwungen, abzudanken, das Kaiserreich durch die Republik Sun Yat-Sens ersetzt. Währenddessen gibt sich die altehrwürdige Familie Pang ungerührt dem exzessiven Opiumgenuß hin. Als der sogenannte »Alte Meister« Pang stirbt und sein Sohn Zhengda nicht in der Lage ist, seine Rolle als neues Familienoberhaupt auszufüllen, wird seiner anmutige Schwester Ruyi die Leitung anvertraut. Trotz der gesellschaftlichen Umwälzungen gelten im Clan jedoch alte Traditionen. Daher wird Ruyi der arme Cousin Duanwan zur Seite gestellt. Dieser verliebt sich in seine schöne Herrin und dient ihr ergeben.

Die tragischen Geschehnisse nehmen ihren Lauf, als Zhonglian wieder in den Palast der Pangs auftaucht. Mit Hoffnung auf Ausbildung und sozialen Aufstieg war der junge Idealist einst von den Pangs aufgenommen worden, dort jedoch zum bloßen Befehlsempfänger seiner dekadenten Verwandschaft degradiert worden. Als er wieder zurückkehrt, verstricken er und Ruyi sich in eine obsessive Haßliebe.

Mehrere Gifte zerstören die Charaktere. An erster Stelle steht das Opium: In der Eingangssequenz wird der kleinen Ruyi Opium-Rauch ins Gesicht geblasen, worauf sie glückselig lächelt. Das Opium wird als Quell des Glücks und der Erleuchtung gepriesen. Der Preis hierfür ist hoch. Im Rollstuhl wird der totenblasse, kahle Zhengda nach einem Hirnschlag von Dienern in die Ahnenhalle getragen. Ruyi wird ihm später auf diesem Weg folgen.

Schließlich scheitern die drei Charaktere an ihren unausgesprochenen Gefühlen. Zhongliang gibt sich als abgebrühter Gigolo, der seine Liebe zu Ruyi so lange unterdrückt, bis es für sie beide zu spät ist. Duanwan wird zu einer grauen Eminenz im Hause Pang, die schließlich zum Clan-Chef avanciert. Ruyi ergibt sich dem Gift der Tradition, dem Opium, einem Symbol der Ignoranz und Passivität. »Ich denke oft daran, als wir noch Kinder waren«, sagt Zhongliang wehmütig, als er zum letzten Mal die Opiumpfeife für Ruyi vorbereitet. Es ist die Eingangssequenz des Films, in der Ruyi, Duanwan und Zhongliang übermütig in der Nacht von Pu Yis Abdankung in der Ahnenhalle spielen. Das Bild gefriert, und der Zuschauer blickt in die Gesichter von hilflosen Erwachsenen, die fragend in eine ungewisse Zukunft schauen. 1970-01-01 01:00

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Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #06.
© 2012, Schnitt Online

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