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Vera Drake

GB/F 2003. R,B: Mike Leigh. K: Dick Pope. S: Jim Clark. M: Andrew Dickson. P: Thin Man Films, Les Films Alain Sarde. D: Imelda Staunton, Phil Davis, Daniel Mays, Alex Kelly u.a.
124 Min. Concorde ab 3.2.05

Zweifel am eigenen Urteil

Von Christian Lailach Ein im Grundsatz auch noch heute heikles Thema. Mit anderer Wertigkeit und auf höherem Niveau. Aber es steht eine ganz andere Frage im Vordergrund: Wie und kann ein liebevoller Mensch Grausames tun und bleibt trotz allem liebenswert? Gibt es Ausnahmen vor dem Gesetz? Soll oder darf es sie geben? Du stehst vor dem Ja und Nein, und es drängt sich unterschwellig die Problematik der Zweiklassengesellschaft zwischen deine Gedanken.

Im Londoner Arbeiterviertel um 1950 leben Stan, Vera, Sid und Ethel Drake ein wundersam ruhiges, ärmliches und – das vor allem – offensichtlich glückliches Leben. Der Teekessel pfeift, Vera putzt und dealt heimlich mit ihrer Freundin um Bonbons und Zucker. Und sie hilft jungen, verzweifelten Mädchen; was keiner weiß und im späteren Verlauf nicht nur die noch weniger wissenden und umso authentischer wirkenden Darsteller zum Nachdenken zwingt. Daß darüber hinaus der eine Stand in der Gesellschaft sich naturgegeben dem Gesetz nicht stellt, ist der einzige offenkundig polarisierende Aspekt des Films. Aufgebaute Sympathien hingegen gehen plötzlich vollkommen unerwartet in einen reflektiven Widerspruch über, statt in blindem Mitleid zu stagnieren.

Leigh zeichnet ihn nicht nur; er komponiert mit den kleinsten Details in einer minimalistischen Umgebung ein in sich schlüssiges und eindringliches, wahrhaftig wirkendes Bild einer Zeit. Dabei verbiegen sich vorhersehbare Ereignisse nicht um der Dramaturgie willen, welche selbst reduzierter nicht sein kann: Scheinbar nebensächliche Handlungsstränge fallen zu Boden, während sich bekannte Einstellungen wiederholen; ohne jedoch in der Gesamtwirkung langatmig zu erscheinen. Völlig unaufdringlich projiziert Leigh somit die unwissend agierenden Figuren in den Raum, der sich der Bühne beugt. Auf dieser zieht er den Betrachter tief in die gutherzige Welt der Vera und läßt ihn letztlich mit ihrer Familie zurück, während der Abspann bereits läuft.

Meinungen und Sichtweisen zu lenken vermögen viele Filme. Die Herausforderung indes scheint, den zur Rezeption fähigen Konsumenten vor eine sicher gewähnte Entscheidung zu stellen statt diese für ihn zu treffen. Nicht das Vorurteil an sich, gar seine Existenz stimmen somit nachdenklich; vielmehr der sich der Realität widersetzende Weg dorthin. 1970-01-01 01:00
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