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Vengo

F/E 2000. R,B,M: Tony Gatlif. B: David Trueba. K: Thierry Pouget. S: Pauline Dairou. M: Tomatito, Sheikh Ahmad Al Tuni, La Calta. P: Princes Film / Astrolabio. D: Antonio Canales, Orestes Villasan Rodriguez, Antonio Perez Dechent, Bobote, Juan Luis Corrientes u.a.
90 Min. X-Verleih ab 12.7.01
Von Manuela Brunner Vengo kommuniziert in der einen Sprache, die jeder versteht: Musik. Tony Gatlif führt sein Publikum ins fremde Land, nach Andalusien, und doch integriert die Kamera den Zuschauer von Anfang an. Als Teil einer Beerdigungsgesellschaft, am Tisch, mitten unter die Menschen mit der bronzefarbenen Haut und den dunklen Haaren, und er läßt dem fremden Eindringling Zeit, sich zu assimilieren, ruht auf Gesichtern, studiert sie, konzentriert, interessiert.

Er spart sich die Worte, die fremden, spanischen, und als die ersten gesprochen werden, da ist es einfaches, klares Spanisch mit einem gewissen Wiedererkennungswert, der die Untertitel fast überflüssig macht: das Spanisch der Liebeslieder. Vom Ungenuß dieses Films in deutscher Synchronisation ist abzuraten. Denn Synchronisation bedeutet Bruch zwischen Sprache und Musik, und einen Bruch kann dieser Film nicht ertragen, er braucht den Fluß, denn das Leben von Tony Gatlifs Andalusiern ist ein übergangsloses Ineinanderfließen von Leben, Trinken, Schlafen, Träumen, Tanzen und Musik. Und Tod. Kein Alkohol, und sei es auch ein Meer von Wein, kann den Schmerz über den Verlust der Tochter ertränken. Mit keinem Weiß der Welt lassen sich die blutroten Lettern an der Wand des Familienanwesens übertünchen, die verkünden: Blut ist geflossen, und die südländische Mentalität verlangt Vendetta. Das Blut ist der rote Faden, der die 90 Minuten zusammenhält.

Es verbietet sich fast, bei der Familienfehden-Geschichte an Scorsese oder Coppola zu denken, denn keiner von ihren glatt gebügelten Mafiosi würde sich mit dem Handy mitten auf die Straße stellen und sämtliche Autos anhalten, um den besten Empfang zu finden. Ist ja auch nicht New York; auf dem Land, wo die Esel staubige Pfade entlangtrappeln, wirkt dagegen der schwarze Mercedes ziemlich deplaziert und verrät die Gangster lange vor jedem anderen Indiz. Der Vorwurf des Manierismus, wie er Tony Gatlif angesichts Gadjo Dilo manchmal gemacht wurde, greift bei Vengo nicht. Denn hier wird eine Bildästhetik kultiviert, die eigenwillig und selbstgenügsam ist, ganz wie die Musik, die diesen Film trägt: Flamenco. 1970-01-01 01:00

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #23.
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