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Vanilla Sky

USA 2001. R,B: Cameron Crowe. K: John Toll. S: Joe Hutshing, Mark Livolsi. M: Nancy Wilson. P: Cruise Wagner Prods, Vinyl Films. D: Tom Cruise, Penélope Cruz, Cameron Diaz, Kurt Russell, Jason Lee, Tilda Swinton u.a.
134 min. UIP ab 24.02.02
Von Sascha Seiler In Almost Famous ging es Cameron Crowe um das subjektive Erinnern an die Zeit seiner Jugend. Der Film spielte mit nur spärlich getarnten Versatzstücken amerikanischer Zeitgeschichte, zusammengefaßt im Mikrokosmos der Popkultur. Es war eine sentimentale Reise, auf die der Regisseur seine Zuschauer einlud, realistisch und – aufgrund der autobiographisch bedingten Subjektivität – phantastisch zugleich.

Vanilla Sky untersucht nun die dunkle Seite des Erinnerns und setzt – anders als in Almost Famous – nicht auf die Macht des tatsächlich Geschehenen, sondern versucht Erinnern als einen vom Unterbewusstsein gesteuerten Mechanismus darzustellen. Der Traum, in dem das Subjekt wandelt, bezieht dabei seine Qualität aus der moralischen Grundkonstitution dieses Subjektes; was zur Folge hat, daß ein unmoralisch agierender Mensch aufgrund der ihm zwangsweise innewohneneden Schuldgefühle beim Erinnern einen Alptraum erleben muß. Diese kurz zusammengefasste Message des Films beinhaltet zwei Elemente, die gleichzeitig sein großes Problem darstellen.

Erstens: Das Thema und seine inhaltliche Umsetzung kommt direkt aus der Welt von David Lynch. Bis in kleinste Details kopiert die Geschichte die klassischen Motive Lynchs und versucht erst gar nicht, der Auseinandersetzung mit dem schmalen Grad zwischen Traum und Alptraum, zwischen Realität und Imagination eine eigene Note zu verleihen.

Zweitens: Wie schon aus Jerry Maguire bekannt, ist Cameron Crowe ein sehr moralischer Regisseur, dessen Hauptmotiv stets die Suche des Individuums nach seinem Selbst ist, wobei diese Suche ausschließlich durch einen moralischen »Turning Point« in seinem Leben erfolgreich gestaltet werden kann. Die finale Katharsis hat bei Almost Famous gerade deshalb so gut funktioniert, weil die Geschichte in einen kollektiven Traum von amerikanischer Vergangenheit eingebettet war und in Billy Crudup und Kate Hudson phantastische Darsteller hatte.

Und hier kommt nämlich noch ein drittes Problem hinzu: Tom Cruise. Crowe benutzt den Star zunächst als klassischen Helden, der sich zwar ignorant durch sein Leben träumt, dessen Dauerlächeln allerdings zwanghaft auf den bevorstehenden Bruch verweist. Bis dahin agiert Cruise als Karikatur seines eigenen Images und nervt den Zuschauer, weil Crowe will, daß er dies tut. Doch als psychotischer Rekonvaleszent mit zerstörtem Gesicht schlittert Cruise in die Falle des Overactings und wirkt zu keinem Zeitpunkt glaubwürdig.

Und doch ist Vanilla Sky ein gelungener Film, weil es Crowe gelingt, vielem, was im Laufe der Handlung absurd und deplaziert wirkt, am Ende eine Bedeutung zu geben. So fragt sich der Zuschauer vor allem, warum Crowe auf einen klassischen, spannungsaufbauenden Filmscore verzichtet und aktuelle sowie ältere Popsongs zu Untermalung dramatischer Szenen verwendet. Man erwischt sich selbst dabei, ihn auf seine Vergangenheit als Rockkritiker zu reduzieren – als könnte er nicht anders, als Rockmusik als konstitutives Element seiner Filme zu verwenden. Dabei wird gerade durch diesen ästhetischen Griff die Erinnerung der Hauptfigur fassbar gemacht: Wenn David sich nun mal auf einer Reise ins eigene Gehirn befindet, so muß man ein Einsehen haben, daß die Vorlieben eines reichen Sunnyboys nun mal andere sind als die eines Psychopathen aus einem Lynch-Film. Und auch das Stereotype an Cruise's Figur funktioniert nur deshalb so gut, weil Cruise ein Superstar ist und – auch in den Momenten des Overactings – sein eigenes Klischee verkörpert.

Vanilla Sky ist wieder einmal ein Film über Selbstsuche, Schuld und Sühne, sowie dem unerschütterlichen Glauben an das Gute im Kern eines jeden Menschen. Doch er ist dennoch gut verpackt. Dennoch bleibt als Kritikpunkt das moralisierende, doch es wird noch sehr lange dauern, bis man Cameron Crowe diese Vorliebe ausgetrieben hat. 1970-01-01 01:00

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