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V wie Vendetta

V for Vendetta. GB/D 2006. R: James McTeigue. B: Andy Wachowski, Larry Wachowski. K: Adrian Biddle. S: Martin Walsh. M: Dario Marianelli. P: Warner Bros, Silver Pictures, Studio Babelsberg u.a. D: Natalie Portman, Hugo Weaving, Stephen Rea, John Hurt u.a.
132 Min. Warner ab 16.3.06

Vergeblicher Versuch

Von Daniel Bickermann Das hat der Mann nicht verdient. Alan Moore ist für die angloamerikanische Comickultur so etwas wie Shakespeare für die europäische Dramatik – das Medium unterscheidet zwischen der Zeit vor ihm und der Zeit nach ihm. Nun wäre man zurecht angeekelt von einem Filmstudio, das den »Hamlet« verfilmt, dabei aber aus Helsingör einen Kaiserpalast macht, eine glückliche Liebesgeschichte mit Ophelia drüberpflastert und dieses unschöne Ende ein bißchen »korrigiert«. Warum also darf man in Moore-Verfilmungen die Hauptperson ersetzen und ein Happy End dranklatschen (From Hell)? Warum darf man britische Distinguiertheit gegen humorloses US-Spektakel eintauschen (League of Extraordinary Gentlemen)? Von den wahrlich unterirdischen Versuchen, das Monster-Epos »Swamp Thing« wahlweise mit Hilfe von Wes Craven, Heather Locklear oder obskuren Footballspielern auf die Leinwand zu bringen, wollen wir hier gar nicht anfangen. In der Diskussion um Literaturadaptionen ist oft von der notwendigen Freiheit des Mediums Film die Rede, aber angesichts mancher oben erwähnter Filme kann man sich des Gedankens nicht erwehren, daß hier statt kreativer Entscheidungskraft eher schlichte Hybris und fatale Dummheit am Werk waren.

Im Vorspann von V wie Vendetta ist zu lesen, der Film basiere auf »dem Comic von David Lloyd« – es ist bereits die vierte Verfilmung, der Moore seine Nennung verbieten mußte. Auf den ersten Blick immerhin besteht dazu weniger Grund als je zuvor: Dank der Überlänge konnten erstaunlich viele dramaturgische Punkte des Comics übernommen werden, und von vielen zu befürchtenden Katastrophen wird der Zuschauer verschont. So bleibt der maskierte Held auch im Film unenthüllt, und auch die kontroverse Prämisse eines Anarchie-Terroristen im faschistischen England ist intakt geblieben. Zwar ergibt sich durch die notwenigen Vereinfachungen eine Reihe von haarsträubenden Plotlöchern, aber man ist ja schon dankbar, daß wenigstens die Grundidee übernommen wurde. Drüber hinaus aber wird es schwierig und immer schwieriger.

Schon durch die Matrix-Sequels wurden die Gebrüder Wachowski ja nicht gerade als Meister des Dialogdrehbuchs bloßgestellt, und hier übertreffen sie noch die lächerlichsten Neo und Trinity-Wortwechsel an Unglaubwürdigkeit. Halbgare verbale Spielereien wie der einführende Monolog des Hauptcharakters (in dem er so viele Worte mit V wie nur irgend möglich benutzt) wirken spätestens in der deutschen Synchronisation völlig neben der Spur, während Debüt-Regisseur McTeigue seine Erfahrung bei den Sequels zu Star Wars und Matrix ausspielt, und die filmische Sprache ganz aufs Spektakel beschränkt. Als Folge versuchen die Figuren ständig, sich selbst zu erklären, nichts wird von der Kamera gezeigt, alles wird von den Charakteren behauptet. Aus der enigmatischen, eisern determinierten Naturgewalt des Comics wird so ein schwafelnder Demagoge, der gegen andere Demagogen kämpft und sich dabei Fehler leistet, Hilfe braucht und – natürlich – sich verliebt. Dazu mißversteht die Ausstattungsabteilung unter Owen Paterson den unterdrückten Pöbel als schickes Wohlstandsbürgertum, während die Musik von Dario Marianelli jede noch so klischeehafte Emotion aufbläst und plattwalzt. Zusammen mit einem (wie sollte es anders sein) drangeklatschten neuen Ende, in dem die Revolution dann natürlich doch ganz sauber und gewaltfrei abläuft und eine eigentliche Erbfolge doch noch schnell zur Liebesgeschichte umgedeutet wird, ergibt sich ein Film, der anfangs ungelenk und übermäßig hektisch geschnitten daherkommt, zur Mitte hin im orchestralen Schmacht- und Explosionsspektakel versinkt und sich letztlich sogar noch zum richtigen Ärgernis entwickelt.

Unter den Alan Moore-Verfilmungen ist V wie Vendetta zwar immer noch die brauchbarste, aber wer seinen »Hamlet« ohne Happy End bevorzugt, der ist hier fehl am Platze. Der tiefste Schlag steht uns allen aber erst noch bevor: »Watchmen«, Moores letzter und größter Meilenstein des Genres, ist nach einem halben Dutzend gescheiterter Anläufe jetzt ebenfalls von Warner reaktiviert worden. Dieser hochkomplexe Stoff über die Konsequenzen der Gesetzlosigkeit und des Übermenschentums findet damit sein drittes Studio, die dritte Drehbuchadaption und ungefähr den fünften Regisseur – und wer noch daran zweifelt, daß man auch aus diesem bitterbösen Szenario, das in einem wahrhaft hamletesken, millionenfachen Massensterben kulminiert, eine schmachtende Liebesgeschichte mit ordentlich Krawumm und Happy End machen kann, der hat nichts begriffen. 1970-01-01 01:00
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