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Das Urteil – Jeder ist käuflich

Runaway Jury. USA 2003. R: Gary Fleder. B: Brian Koppelman, David Levien, Rick Cleveland, Matthew Chapman. K: Robert Elswit. S: William Steinkamp. M: Christopher Young. P: Regency Enterprises, Epsilon Motion Pictures. D: John Cusack, Gene Hackman, Dustin Hoffman, Rachel Weisz, Bruce Davison, Bruce McGill, Jeremy Piven u.a.
138 Min. Fox ab 22.4.04.

Wie geschmiert

Von Frank Brenner John Grisham ist das personifizierte schlechte Gewissen des US-Justizsystems. Der ehemalige Anwalt zeigt in seinen, sich millionenfach verkaufenden Gerichtsthrillern stets die Schattenseiten des amerikanischen Rechtswesens auf, handelt es sich nun um korrupte Staatsanwälte, bestechliche Richter, Unstimmigkeiten bei der Geschworenenauswahl oder den nicht zu unterschätzenden Einfluß von diversen Lobbyistengruppen. Da sich Gerichtsfilme auch seit jeher vor allem im US-amerikanischen Kino großer Beliebtheit erfreuen, sind schon einige der Grisham-Romane für die Leinwand adaptiert worden. Nach mehreren kommerziell eher enttäuschenden Adaptionen hat sich nun der mit derart großen Hollywoodproduktionen noch wenig erfahrene Gary Fleder an die Verfilmung einer Vorlage aus dem Jahr 1996 gemacht.

Und das Engagement des Regisseurs von so unterschiedlichen Filmen wie …denn zum Küssen sind sie da und Das Leben nach dem Tod in Denver erweist sich in diesem Fall als Glücksgriff. Nach den Umsetzungen durch Routiniers wie Robert Altman, Joel Schumacher und Francis Ford Coppola haben die Grisham-Verfilmungen durch Fleder zu einer ausgefeilten Spannungsdramaturgie zurückgefunden, die in ihren besten Momenten an den Sidney-Lumet-Klassiker Die zwölf Geschworenen gemahnt. Mit diesem Standardwerk des Gerichtsdramas müssen sich freilich alle Genrefilme messen, die Stories und ausgefeilte Dialoge in ihren Mittelpunkt stellen wollen.

Das Urteil hat darüberhinaus noch einen weiteren zentralen Punkt mit dem Lumet-Film gemeinsam: In beiden Werken ist die Urteilsfindung durch die Geschworenenjury handlungsentscheidend. Ansonsten vereint sowohl Grishams Roman als auch seine filmische Umsetzung eine ganze Reihe der Lieblingsthemen des Autors in seiner Geschichte, die somit zu einer der komplexesten und ausgefeiltesten in dessen Œuvre wird.

Durch einen amoklaufenden, entlassenen Angestellten einer Firma sind elf Menschen ums Leben gekommen, bevor sich der Killer selbst erschoß. Der angestrebte Prozeß gegen den Waffenhersteller soll zum Präzedenzfall werden, der Jury kommt eine besondere Stellung zu. Deswegen versucht ein ausgefuchstes Paar, sowohl die Verteidigung als auch die Anklage in einen Wettstreit um die Schmiergeldzahlung zu veranlassen, dessen Sieger sich des gewünschten Urteils der Geschworenen sicher sein kann. Grisham schafft es immer wieder, mit seinen Fiktionen über die US-Justiz wunde Punkte aufzuzeigen und am Glauben an eine gerechte Rechtsprechung berechtigte Zweifel aufkommen zu lassen.

Daß es so oder so ähnlich in den Justizsälen des freien Amerika zugeht, steht dabei fast schon außer Frage. Was man Grisham indes weit weniger leicht abnimmt, sind die Auflösungen seiner Geschichten, bei denen die Gerechtigkeit schließlich doch triumphiert. Diesen naiven Optimismus darf man sich allerdings in diesem Zusammenhang gerne bewahren. Grisham macht uns mit den Mitteln der Thrillerunterhaltung auf die Fehler dieser Welt aufmerksam, ohne uns in eine ratlose Verzweiflung zu entlassen – nichts anderes machen perfekt gestaltete Hollywoodfilme mit Tiefgang. Gary Fleders Film ist ohne jeden Zweifel einer von ihnen. 1970-01-01 01:00
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