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Die Unzerbrechlichen

D, 2006. R,B: Dominik Wessely, Marcus Vetter. K: Knut Schmitz, Grischa Schmitz. S: Anja Pohl. P: Gambit.
93 min. Salzgeber. ab 18.1.07

Zur Sonne, zur Freiheit

Von Oliver Baumgarten Fast zwangsläufig hat es unsere profitorientierte Gesellschaft in diese Richtung getrieben, aus der es nun erst einmal schwerlich ein Fortkommen geben wird. Die florierende Discount-Kultur mit Billigangeboten, von denen man vor zehn Jahren nur träumen konnte, scheint zwar oberflächlich betrachtet dank geldwerten Vorteils, wie es so schön heißt, den Verbraucher zu erfreuen. Hinter dem schönen Schein aber droht der Verlust von Qualität, von Arbeit, von Handwerk. 1,49 Euro für sechs Weingläser namens »Reko« – ein solches Angebot eines bekannten schwedischen Holzmöbeldiscounters scheint sich schon auf dem Papier über das traditionelle Glaserei-Handwerk aufs Schäbigste lustig zu machen.

Und während das zynische Gelächter der Discounter noch nachklingt, drücken sich Betriebe wie die traditionelle Glashütte Theresienthal, deren mundgeblasener und handgefertigter Weinkelch »Dagmar« etwa als Schnäppchen mit 29 Euro das Stück zu Buche schlägt, beim Insolvenzverwalter die Klinke in die Hand. Doch gerade ehemalige Mitarbeiter von Theresienthal, seit 2001 arbeitslos, wollten sich nicht zum Opfer der Globalisierung machen lassen und fanden dank großer Kreativität und Engagement zunächst einen potenten Sponsor und seit Mitte 2004 auch wieder den Weg in die Produktion von nunmehr betont traditionsbewußter Handwerkskunst.

Jenen »Unzerbrechlichen« widmen Dominik Wessely und Marcus Vetter ihren kurzweiligen und entspannt erzählten Dokumentarfilm, der durch seine Protagonisten und seine Dramaturgie ein bißchen wie ein Vertreter jenes Sportfilmgenres wirkt, bei dem eine Handvoll ausgemusterter, kantiger, aber am Ende doch grundsympathischer Ex-Profis noch ein letztes Mal ein Team bildet und am Ende sensationell die Meisterschaft gewinnt. Da ist zum Beispiel der knorrige Glasbläser, ein Meister seiner Klasse, der sich zu Beginn sträubt, wieder einzusteigen, weil er seine gerade vom Amt bewilligte Ich-AG dann sofort wieder vergessen kann. Der ewig zweifelnde, aber grundloyale Vorarbeiter, die ketterauchende Firmeninstitution aus dem Vertrieb:

Sie alle werden am Ende gewinnen, und diesen kleinen sozialen Arbeiterpathos, den der Film mitunter verbreitet, läßt man sich auch gerne gefallen. Insgesamt allerdings, auch das eine Stärke des Films, legen uns die Filmemacher doch auch nahe, daß dieses »Wunder von Theresienthal«, wie es die Angestellten nennen, ein kontrolliertes Wunder ist. Keines, das die Arbeiter der globalisierten Wirtschaft abgerungen haben, sondern eines, das man sich aus der globalisierten Wirtschaft heraus leistet. Denn Motor hinter der Theresienthal-Initiative ist die Eberhard von Kuenheim Stiftung – eine Institution aus dem Hause BMW. 1970-01-01 01:00

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Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #45.
© 2012, Schnitt Online

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