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Unterwegs nach Cold Mountain

Cold Mountain. USA 2003. R,B: Anthony Minghella. K: John Seale. S: Walter Murch. M: Gabriel Yared. P: Mirage Enterprises, Bona Fide. D: Nicole Kidman, Jude Law, Renée Zellweger u.a.
150 Min. Buena Vista ab 19.2.04

Holzhammer-Symbolismus

Von Matthias Grimm »Wir haben Krieg!« Ja, da freut sich der Amerikaner. Zumindest damals, im Bürgerkrieg, da durfte man sich noch freuen, weil Kriege nicht aus »fictitious reasons« geführt wurden. Nur Jude Law, der freut sich gar nicht. Weil er sich grad in Nicole Kidman verliebt hat, und außerdem ist er ja Pazifist. Der einzige am Ort, aber irgendjemand muß den Job halt machen. Deswegen steht er gerade in einer Kirche, zusammen mit Nicole Kidman, und sie sehen einander an, sprechen mit den Augen ihre Liebe, derer sie sich so lange verweigert haben. Und wie durch Zufall liegt gerade eine Taube griffbereit auf der Fensterbank. Die nimmt er sich mal gleich mit, der Jude, und läßt sie fliegen. Aber, zu dumm, kein Marsianer ist in der Nähe, um sie abzuschießen. Dafür fliegen die Federn. In der ganzen Kirche schweben sie hernieder, wie Schneeflocken umtanzen sie die Liebenden und nehmen dabei das tragische Schicksal vorweg, das Jude am Ende erleiden wird. Dann wird es auch schneien, aber Jude wird wissen, daß sein Tod nicht umsonst war, weil jeder eine Aufgabe hat im Leben, und die seinige hat er soeben erfüllt.

Ja, Cold Mountain betreibt seinen Symbolismus mit dem Holzhammer. Und ähnlich geht er auch mit seinen Motiven um, die sich in pampigen Klumpen zu einer Erzählung verdichten, aber nach dem Verzehr als Dünnschiß wieder ausgeschieden werden: Versöhnung zwischen den Gesellschaftsklassen wird da beispielsweise gepredigt, einschließlich Musteranleitung zum Selbermachen. Als Nicole Kidmans Vater – nennen wir sie doch nach ihrem Rollennamen Ada – stirbt, bleibt diese mittellos zurück, als Schöngeistin nicht in der Lage, eigenständig die Felder zu bestellen. Zum Glück bekommt sie Hilfe von der dummen, aber naturburschigen Renée Zellweger, die ihr mal zeigt, wie so ein anständiger Lattenzaun auszusehen hat. Als Gegenleistung dafür lehrt Ada sie Liebe zur Musik und Literatur.

Jude Law unterdessen – nennen wir ihn doch nach seinem Rollennamen Inman – ist der Versuchung ausgeliefert und begegnet ihr eisern mit Enthaltsamkeit. Die Jahre des Krieges und nicht zuletzt die Sehnsucht nach Ada machen ihn zum Deserteur. Doch sein Heimweg gerät zur Odyssee – eine Reise, die Befindlichkeitsstudie über den seelischen Zustand einer Nation in Krieg und Armut ist. Und die ihn auf Menschen treffen läßt, welche ihn auf die Probe stellen, nachdem sie, ob freiwillig oder nicht, an der ihren gescheitert sind. Zum Mörder sind sie geworden, zum Verräter und Dieb, haben ihr Kostbarstes verloren und geben ihre Seele, um sich dessen erinnern zu dürfen. Nur Inman widersteht, erst den wollüstig wogenden Hintern, dann sogar Natalie Portman. Odysseus war damals cooler bei Kalypso.

Nennen wir doch niemanden mehr nach dem Rollennamen. Denn niemand spielt hier eine Rolle, eine lebendige Figur, die sich in einer lebendigen Welt bewegt, in einer geschichtlichen Periode oder die getrieben ist von wahren Gefühlen oder Absichten. Hier laufen Schauspieler in Kostümen vor einem Hintergrund, der sich schamlos an der Geschichte bedient und der doch so künstlich ist wie der verlogene romantische Gedanke, der ihn erschaffen und ihm einen Wertekatalog übergestülpt hat.

Symptomatisch dafür auch, daß jede noch so kleine Nebenrolle mit einem Star besetzt ist. Warum? Weil diese Schauspieler unbedingt bei diesem großartigen Film dabei sein wollten? Weil es schon immer ihr Traum gewesen ist, mit Minghella zusammenzuarbeiten? Nein! Aber weil sie im Nachhinein genau das behaupten sollen. Weil sie substanzlose Aha-Effekte hervorrufen – allein durch ihre Präsenz – und damit jeder Szene dieses Gewicht und diese Vertrautheit verleihen, welche die Erzählung so zeitlos erscheinen läßt, so für die Ewigkeit gemacht, wie es bei modernen Shakespeare-Verfilmungen der Fall ist.

Dabei ist Cold Mountain alles andere als ewig oder zeitlos. Filme wie Cold Mountain markieren das Ende jeder Geschichtsüberlieferung. Denn Geschichte liefert nicht mehr die Begründungen, sie dient lediglich als Ausrede. Die Figuren erfüllen keine Funktionen mehr, sie existieren nur noch als Bestätigung dessen, was man sowieso schon weiß, nicht aus der Geschichte, sondern als Projektion der Gegenwart. Auf diese Weise plündert das Hollywood-Kino die Historie, beutet sie aus, indem es sie zu einem Fundus von Mythen und Motiven erklärt, die nur noch abgetastet werden müssen, dann entnommen und unscharf entstellt der Erzählung wieder zurückgegeben werden, auf daß sie ihr nicht eingeschrieben, sondern einverleibt und aufgezwungen seien.

Somit ist Geschichte nur noch Behauptung, und alles, was in ihr stattfindet, gleichermaßen. Cold Mountain ist ein Film, der unablässig behauptet: Tugendhaftigkeit an Orten, wo keine mehr zu erhoffen wäre, innere Stärke in Zeiten der größten Entbehrungen, sogar die Liebe, die beide Protagonisten all die Widrigkeiten überstehen und einander erwarten läßt, ist eine behauptete, weil beide nichts anderes zu kennen scheinen. Sie lieben, genauso wie sie erleiden. So im Vorbeigehen. Was soll man auch sonst machen?

Die Welt, das wissen wir schon lange, ist sowieso Fiktion. Und Filme wie Cold Mountain machen sie endgültig zur Farce. 1970-01-01 01:00
© 2012, Schnitt Online

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