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Untersuchung an Mädeln

A 1999. R,B: Peter Payer. B: Wolfgang Beyer. K: Andreas Berger. S: Britta Nahler. M: Werner Pirchner. P: Dor Film. D: Anna Thalbach, Elke Winkens, Max Tidof, Otto Sander, Martin Brambach u.a.
90 Min. MOP ab 5.4.01
Von Dietrich Kuhlbrodt Um es gleich zu sagen: So wünschte ich mir, daß Filme wären. Zwar gibt es einen Text als Vorgabe, gar einen richtig guten Roman gleichen Titels, also eine Literaturverfilmung? Und das eben nicht, denn den Off-Monologen des genialen Autors Albert Drach wird in diesem aufregend-munteren Film eine Rolle zugewiesen: eine neben anderen. Wir hören die quarzende Stimme des verbiesterten Untersuchungsrichters (Otto Sander); ihr steht gegenüber alles, was filmisch ist: Bilder, Montagen, Farb- und Stimmungswechsel, Töne, Musik, Leichtigkeit, Gutdraufsein-gegen-alles, die Gedanken sind frei.

Die Freiheit, die Fröhlichkeit, die Unbekümmertheit – schön verkörpert durch die beiden Mädchen (Anna Thalbach und Elke Winkens), die allerdings im Gefängnis einsitzen, wo aber die angenehmen Rückblenden aufblitzen.

Frauen, die ein Sexleben haben, sind auch des Mordes verdächtig. Das ist so im Land der Backhendlkultur. Die Palette mit dem Braten-für-Männer wird soeben vor der Kamera vorbeigetragen: groß, kross, zum Kotzen.

Ja, Regisseur Peter Payer weiß, was Rollenspiel ist. Und Theatralik. In seinem Fall ist das ein großes Plus. Denn die Frauen spielen sich ganz nach vorn. Sie sind quicklebendig. Auch wenn sie in der Zelle sitzen. And the winners are Anna Thalbach und Elke Winkens. Ihr geil-verkorkster Richter flüchtet sich in Maso-Phantasien: »Ich muß einen Prozeß führen gegen mich selbst, und das Ergebnis steht fest«. Häftling Anna Thalbach kommentiert: »Die Welt gehört Männern. Frauen sind nur so dabei. Es bleibt die schwache Erinnerung an Samenerguß und ein Gerichtsurteil«.

Der Film macht Wut; einerseits. Andererseits hört sich das Schlußwort (es ist eins!) auf unbegreifliche, eventuell filmische Weise, munter und zuversichtlich an. Das Text- und Justizsystem, in seiner verklemmten Amtssprache, ist, wenn man die Frauen sieht, ausgehöhlt und kurz vor dem Kollaps. Ohne daß dies noch extra ausgesprochen werden müßte. Die besonders dicke Vollzugsbeamtin, von der ich dachte, daß sie supereklig sein müßte, schenkt der angeblichen Mörderin ein Zigarette und gibt ihr Feuer, dann stimmt sie in das Lied ein, das die Häftlingsfrauen singen, mit satter Stimme. Das ist stark. Das tut gut. 1970-01-01 01:00

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #22.
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