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Unser täglich Brot

A 2005. R,B,K: Nikolaus Geyrhalter. S,B: Wolfgang Widerhofer. P: Nikolaus Geyrhalter Film.
92 Min. Alamode ab 18.1.07

Horror vacui

Von Mark Stöhr In einem Interview sagte Wolfgang Widerhofer, der Editor dieses Films, einen Satz, der präzise das Fundament unserer Zivilisation und den Kern von Unser täglich Brot beschreibt: »Wir erfinden und bauen uns gerne Automaten und Maschinen, über die wir dann staunen können, oder die uns plötzlich bedrohen.« Und die uns einen Lebensstandard garantieren, möchte man hinzufügen, den wir nicht mehr verlassen wollen.

Ein Film über die Maschinenwelt der europäischen Lebensmittelproduktion. Küken kommen in Brutschränken auf die Welt, die wie Nummernkonten einer Schweizer Bank aussehen. Lachse werden mit Riesenschläuchen aus dem Fjord gesaugt, Rinder schneller, als sie gezeugt werden, zu Schnitzeln verarbeitet. Es sind futuristische High-Tech-Orte ohne den Faktor Natur. Jetzt muß nur noch gegessen werden. Eine Arbeiterin tut das in ihrer Mittagspause – einer der wenigen Hinweise darauf, daß der industrielle Produktionszyklus einen organischen Fortgang nimmt.

Wir wissen das alles. Die Fakten sind zur Genüge erzählt, zuletzt lieferte Erwin Wagenhofer mit We Feed the World auch im Kino einen erschöpfenden Tatsachenfilm, der die wenigen Fragen, die vielleicht noch offen waren, beantwortete.

Doch wo Wagenhofer informierte, argumentierte und auch leise agitierte, schafft Geyrhalter mit seinen unkommentierten Plansequenzen und Kadrierungen einen Raum der totalen Wahrnehmung. Die Automaten und Abläufe nehmen surreale Formen an, ihr Sound, das Sirren und Rattern, löst sich vom Bild und beginnt ein Eigenleben. Wo die Technologie der Produktion und die Ästhetik der Beschreibung ein Höchstmaß an Kontrolle und Regulierung erreicht, werden im Zuschauer Standards des Sehens, Hörens und der Verarbeitung dereguliert und neue Perspektiven auf eine Problematik eröffnet, der gegenüber wir kognitiv schon längst immun geworden sind.

Das ist die eigentliche Leistung des Films: dieses fast amoralische Staunen, in dem es nicht mehr um Gut oder Böse geht, sondern um das Zurückgeworfensein auf sich als Individuum in einer entindividualisierten (Film-) Welt. Wagenhofer sagt: Ändert euer Konsumverhalten. Geyrhalter sagt nichts und hält uns ein leeres Blatt hin, auf dem wir eigene Notizen machen müssen. Vielleicht der bessere Schritt zur Umkehr. 1970-01-01 01:00

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #45.

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