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Ein (un)möglicher Härtefall

Intolerable Cruelty. USA 2003. R,B: Joel Coen. B: Robert Ramsay, Matthew Stone. K: Roger Deakins. S: Roderick Jaynes. M: Carter Burwell. P: Alphaville Films, Imagine Entertainment, The KL Line. D: George Clooney, Catherine Zeta-Jones, Geoffrey Rush, Cedrick The Entertainer u.a.
100 Min. UIP ab 23.10.03

Kreativer Ausrutscher

Von Daniel Bickermann Beim Schreiben dieser Zeilen überkommt den Rezensenten ein schmerzliches Gefühl der Vergänglichkeit. Was ist geschehen? Ist die Sonne erloschen? Treiben die Fische bäuchlings gegen die Ufer der Welt, erheben sich die Toten aus ihren Gräbern und färbt sich der Mond in der Farbe des Blutes? Mitnichten. Es ist schlimmer. Die Coens haben einen schlechten Film gedreht.

Und ich rede nicht von der Sorte »schlecht« wie Hudsucker oder O Brother, Where Art Thou?, die zu etwas stilisierten und somit leicht schwächeren Abschnitten ihres beeindruckenden Gesamtwerkes bis dato zählen. Ich meine (leider) auch nicht jene Sorte »schlechter« Filme, die ein böses Spiel mit dem Publikum treiben oder eine Verrohung der Jugend versprechen. Ich rede von einem Film, der nach den Standards des amerikanischen Unterhaltungskinos im Bereich von »ganz nett, wenn auch harmlos« angesiedelt ist. Der also auf der Skala, die sich die Coen-Brüder seit nun gut 10 Jahren setzen, eigentlich durch die untersten Grenzen bricht. Ich spreche davon, daß dieser Film so schlecht ist, daß er diesen deutschen Murks als Titel vielleicht wirklich verdient. Es ist die Aufgabe, diesen Sündenfall genauer untersuchen zu müssen, die Ursachen für dieses unerwartete Scheitern an längst gemeisterten Hürden herauszufinden, die im Rezensenten diese Gefühle von Einsamkeit und Agonie wecken.

Die äußeren Bedingungen dieses Films sollten an der Misere nicht Schuld haben. Clooney und Zeta-Jones mögen zwar vom Aussehen her nicht gerade zum engeren Kreis der typisch gequälten Coen-Typen gehören (man denke an Turturro, Buscemi oder Goodman), aber sie sind auch nicht die schlechteste Wahl im Hollywood-Süßigkeitenladen. Sie haben zusammen gute Chemie und spielen beide mit Verve und Experimentierfreude. Kamera führt wieder Roger Deakins, der Magier, der dem klassisch schmutzigen Coen-Look immer schon etwas Mystisches mit auf den Weg zum Publikum gegeben hat. Eine Mitschuld trifft sicher das unerfreulich spannungsarme Drehbuch, das erstmals nicht von den Brüdern selbst kommt, sondern aus der ungleich weniger inspirierten Feder von Robert Ramsay und Matthew Stone. Doch dies allein kann ein qualitatives Desaster dieser Größenordnung nicht erklären. Schließlich scheint nicht nur der Aufbau belanglos und die Nebencharaktere ungenau, auch die Optik ist erschreckend höhepunktlos abgekurbelt. Das bittere Urteil muß leider lauten: Der neuen Coen-Film ist als solcher nicht mehr zu erkennen. Er wirkt statt dessen, als hätte ein beliebig ausgesuchter Komödienspezialist ein halbwegs spritziges Remake einer seichten 50er-Jahre-Screwballcomedy vorgelegt, ohne Anspruch auf Erkennungswert, ohne Überraschungen und Brüche, allein auf seine kommerziellen Interessen beim unterhaltungswilligen Publikum bedacht.

Und so schleicht sich ein beunruhigende Verdacht ein: Es könnte Absicht gewesen sein. Aus Coen-nahen Kreisen verlautete vor dem Film, man wolle vor allem durch die Wahl der Stars nun endlich das Massenpublikum erreichen, das sich bisher allen Coen-Filmen inklusive des oscarprämierten Fargo verweigert hat. Nachdem das Produkt nun so verwässert, zur Unkenntlichkeit geglättet und belanglos geraten ist, wird wohl der nächste Film der Brüder zwischen weiterer Talentverschwendung oder einer Rückkehr zu alter Form entscheiden müssen. Die Coens verstehen sich meisterlich auf den makaberen Umgang mit schrecklich ernsten Themen, auf die stoische Beobachtung der Verzweiflung eines Menschen, der sich an zu Großem vergriffen hat, auf penibel inszenierte Kleinigkeiten, die ein Leben zerstören und beenden können. Ein konfliktarmes Komödchen um Liebe und Geld, das ist ab jetzt verbucht, können sie jedenfalls nicht besser drehen als jeder andere auch.

Zwei gute Seiten immerhin hat dieser kreative Ausrutscher. Zum einen eine einzige markante Szene, die in den Coen-Kosmos einzugehen würdig ist, als ein Berufskiller seine Kanone und sein Asthmaspray verwechselt. Zum anderen öffnet sich nach diesem Tiefschlag ein neuer Blick auf all die bisherigen Meisterwerke der Coens, deren stetig hohe Qualität über die Jahre beinahe vergessen ließ, wie außergewöhnlich begabt diese Herren sind. Wenn sie nur wollen. 1970-01-01 01:00
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