— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Unkenrufe

D/PL/GB 2005. R: Robert Glinski. B: Klaus Richter, Pawel Huelle, Cezary Harasimowicz. K: Jacek Petrycki. S: Krzysztof Szeptmanski. M: Richard G. Mitchell. P: Ziegler Film, Filmcontract, Killerpic, Degeto Film, Telewizja Polska. D: Matthias Habich, Krystyna Janda, Dorothea Walda, Bhasker Patel, Udo Samel, Mareike Carrière, Joachim Król u.a.
94 Min. NFP ab 22.9.05

Six Feet Under

Von Frank Brenner Obwohl er seit Jahrzehnten einer der unangefochten herausragendsten deutschen Schriftsteller ist, schaffen es die Werke des Literaturnobelpreisträgers Günter Grass erstaunlich selten auf die große Leinwand. Seiner vertrackten Erzählweise deswegen die Schuld zuzuschieben, hat heutzutage kaum mehr Bestand, schließlich werden noch weitaus schwieriger konstruierte und eigentlich als unverfilmbar geltende Romane zu Drehbüchern adaptiert. Auch der Erfolg von Grass im Kino sollte spätestens seit dem internationalen Siegeszug von der Blechtrommel hinlänglich bewiesen sein. Freuen wir uns also an dieser seltenen Verfilmung seiner gleichnamigen Erzählung Unkenrufe, die der Pole Robert Glinski kongenial in vielsagende Bilder transferiert hat.

Alexander Reschke trifft bei kunsthistorischen Nachforschungen in seiner Geburtsstadt Danzig die Restauratorin Aleksandra Piatowska. Die Leidenschaft der beiden verwitweten Mittfünfziger beschränkt sich nicht nur auf kulturgeschichtliche Überbleibsel. Gemeinsam kommt das illustre deutsch-polnische Paar kurz nach der deutschen Wiedervereinigung auf die Idee, im ehemals deutschen Danzig einen Friedhof für Vertriebene zu eröffnen, damit diese in ihrer alten Heimat ihre letzte Ruhe finden können. Der Versöhnungsvorschlag nimmt aber immer groteskere Formen an, als die Investoren sich zusehends vom Kapitalismus einlullen lassen.

Die Werke von Günter Grass sind von einem weisen, überaus frechen und tiefsinnigen Humor geprägt, der der deutschen Befindlichkeit als gutes schlechtes Gewissen im Nacken sitzt. In seiner 1992 erschienenen Erzählung greift Grass die Auswirkungen der deutschen Wende, den Umbruch in den sozialistischen Ländern des Ostblocks und die allgegenwärtige dunkle Vergangenheit zwischen den europäischen Nachbarn Deutschland und Polen wirkungsvoll auf. Seine Breitseiten schießt er dementsprechend in sämtliche Richtungen ab und läßt weder an deutschem Pedantentum noch an polnischem Laissez-faire ein gutes Haar. Die süffisant-ironische Stimmung der Vorlage konnte von Glinski hervorragend auf die Leinwand übertragen werden. Das stets präsente Schmunzeln macht auch immer wieder einem herzhaften Lacher Platz. 1970-01-01 01:00
© 2012, Schnitt Online

Sitemap