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Die unbarmherzigen Schwestern

The Magdalene Sisters. GB 2002. R,B: Peter Mullan. K: Nigel Willoughby. S: Colin Monie. M: Craig Armstrong. P: PFP Films. D: Geraldine McEwan, Anne-Marie Duff, Dorothy Duffy, Eileen Walsh, Nora-Jane Noone u.a.
119 Min. Concorde ab 9.1.03

Die Sünderinnen

Von Matthias Grimm In The Claim spielte Peter Mullan den Gottkaiser, der sein Reich in einem Moment der Schwäche erschlich und erkaufte und sich am Ende seiner Tage gezwungen sieht, Buße für diese Sünde zu leisten, an der er schließlich zerbricht. Auch Die unbarmherzigen Schwestern, in dem er nur flüchtig als Schauspieler zu sehen ist und dafür wieder den Platz des Autorenfilmers einnimmt, handelt von Schuld und Sühne. Keine selbst auferlegte, kein Versuch der Wiedergutmachung oder Zeichen der Reue wie in The Claim, sondern ein Kollidieren heteronomer Moralvorstellungen des puritanischen Irlands Anfang bis Mitte des 20. Jahrhunderts und dem zunehmend gebrochenen Freiheitswillen der Klosterschülerinnen.

Und wie häufig sind auch hier die Willkür der Gewalt und die Machtausübungen über die Machtlosen das vorherrschende Motiv in einem Film, der die Züchtigung an, in modernem Sinne, Unschuldigen mit der unmenschlichen Behandlung in Gefangenenlagern oder gar faschistischen Ideologien vergleicht. So werden die Protagonistinnen zu Beginn des Films anhand ihrer jeweiligen Verbrechen eingeführt, für die sie lebenslang zu sühnen haben, durch Arbeit, Demut und Demütigung: Die eine wurde vergewaltigt, die andere in Versuchung geführt, die dritte ist Mutter eines unehelichen Kindes. Die Paradoxie der bürgerlichen Mißbilligung dieser Taten und die Unverhältnismäßigkeit der Mittel aufzuzeigen, mit denen ihnen begegnet wurde, ist das Anliegen des Films. Doch genau hierin liegt ein Problem begründet, das er mit anderen, meist gut gemeinten, aber eben nicht guten, sondern allenfalls »wichtigen« Filmen teilt: Die Gewalt als willkürlich und sinnlos darzustellen ist einfach und dadurch umso schockierender, letztendlich aber wenig differenziert, und hinzu kommt, daß es die Opfer zu einfachen Stereotypen degradiert, deren Funktion einzig darin liegt – zu leiden. Der schlechterdings interessantere Aspekt, nämlich die Motivation des designiert Bösen aufzuzeigen, wird dabei letztlich auf ein Rezitieren ebenso stereotyper Phrasen reduziert, deren auf Selbstentlarvung abzielendes Zurschaustellen wenig erklärt und nur akustisch untermalt, was sowieso zu sehen ist: Es wird gelitten.

Dieses Leiden in seinen unterschiedlichsten Formen dagegen zeigt Mullan mit beispielhaft poetischem Feingefühl: Als sich in einer Szene Margaret unverhofft die Möglichkeit zur Flucht bietet und sie sich dieser verweigert, zeigt dies nicht nur ihre Furcht vor Bestrafung, sondern die Furcht, eventuell in einer Welt bestehen zu müssen, die ihren gebrochenen Willen nicht aufzunehmen bereit ist. Und Bernadette, die nicht als Sünderin, sondern nur ihrer sündigen Gedanken wegen ins Kloster kam, begeht ihren ersten Fluchtversuch, indem sie willentlich zu dem wird, wovon sie sich zeitlebens zu befreien versuchte: zur Hure. Später, als sie einer Freundin das Einzige und Teuerste stiehlt, ist ihre Antwort auf die Frage, warum sie es getan habe, nicht nur Ausdruck ihrer selbstverleugneten Angepaßtheit, sondern für die Beliebigkeit, mit der sich eben jene Gewaltmuster ausbilden: »Sie hatte noch nicht genug gelitten.« 1970-01-01 01:00

Abdruck

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