Von Anatol Weber
Politik oder Kammerspiel, Tragödie oder Komödie, Überfall oder Laden, Worte, die momentan die Welt bedeuten und eigentlich Florian Flickers Film meinen. »Bin Laden überfallen« hätte sich der verzweifelte Andreas auch auf die Stirn schreiben können, Bush persönlich hätte ihn zum Nationalhelden Amerikas ernannt, so wird er nur zum Bezirkstrottel in Wien. Komödie und Tragödie liegen eben nah beieinander, besonders in Österreich. Nachdem es in der Alpenrepublik wieder etwas ruhiger um Haider Jörg und seine Spießergesellen geworden ist, läßt jetzt der Hader Josef seinen Expansionsgelüsten freien Lauf und bombardiert unsere Filmtheater mit drei herrlich österreichischen Attacken auf Herz, Hirn und Zwerchfell.
Komm, süßer Tod, die schräg überdrehte Sanitätersatire von Wolfgang Murnberger, hat den Anfang gemacht, jetzt steht
Der Überfall bevor. Ein Kammerspiel der besonderen Art, von dem Hader sagt: »Als eine spezielle Qualität des Films empfinde ich, daß darin so unklar bleibt, ob es sich um eine sehr witzige Tragödie oder eine traurige, brutale Komödie handelt.«
Der Berger Andi, ein wahrer Nichtsnutz und Verlierer, will wenigstens den Geburtstag seiner Tochter nicht vergessen und beschließt, einen Supermarkt zu überfallen. Da er zudem auch noch ein Feigling ist, endet der klägliche Versuch in der kleinen Schneiderei nebenan, wo der knorrige Meister Böckl und sein Stammkunde und Dauerhypochonder Kopper verdutzt ihre Geiselnahme miterleben müssen. Die Unberechenbarkeit und Unentschlossenheit des Pseudoverbrechers führen von einer Krise zur nächsten, wobei vor allem Böckl unter den hysterischen Gewaltattacken zu leiden hat, wogegen Kopper sich als hemmungsloser Opportunist entpuppt, den Regisseur Flicker wie folgt beschreibt: »Der ist für mich der Österreicher schlechthin: ja nicht Stellung beziehen, zur Not intrigieren und vor allem immer das Opfer sein wollen.«
Bis zum überraschenden Ende entfacht sich ein bösartiger, klaustrophobischer und tragischgrimmiger Psychothriller, der gekonnt auch das lachende Auge nicht verschließt. Anders als in Hanekes
Funny Games geraten Gewalt und Repression nicht zum filmischen Selbstzweck, sondern bleiben in der Palette menschlicher Handlungsweisen gebunden. Österreichs Krawallkabarettist Nummer 1, Roland
Hinterholz 8 Düringer und der Burgschauspieler Joachim Bißmeier komplettieren den Kammerkader und gehen genauso intensiv und schonungslos in ihren Rollen auf wie der Hader Josef, dem diese Rolle eigentlich leicht gefallen sein dürfte, ist sie dem Charakter seines Comedyprogramms doch nicht unähnlich. Wurde er in
Komm, süßer Tod zum unfreiwilligen Actionhelden mit Liebhaberqualitäten, kann er hier wieder bravourös den Biedermann in uns allen sezieren.
Wie er diesen unscheinbaren eingebildeten Kranken immer mehr zum fast liebenswerten Monstrum werden läßt, macht einfach diebisch Spaß und läßt einen doch a weng frösteln. Seine spannendste und faszinierendste Rolle hat er allerdings in dem dritten Film
Gelbe Kirschen von Leopold Lummerstorfer, der hoffentlich auch bald den Weg in unsere Kinos findet. Dort spielt er einen Beamten der Ausländerpolizei, der auf den ersten Blick ganz sympathisch grantelnd daherkommt, sich aber als ein ganz sturer und überhaupt nicht liebenswerter Zeitgenosse entpuppt. Wie Hader hier mit seiner linkischen Art den Zuschauer auf die falsche, weil bekannte Fährte schickt, ist grandios. Erst einmal aber lassen wir uns überfallen und das besonders gerne, ohne Laden, ohne Amerika und ohne die ganze Scheinheiligkeit unseres zivilisierten TV-Zeitalters.